Wenn ich nicht durch die Tür gehen kann, suche ich mir ein Schlupfloch.

TP-Interview mit dem Beauftragten für den Abriss der Berliner Mauer Hagen Koch.

Frage:

Herr Koch, 1987 sind in der Tageszeitung Neues Deutschland 25 ostdeutsche Grenzsoldaten aufgelistet und porträtiert worden, die, so hieß es, „meuchlings, hinterlistig und feige ermordet“ wurden. In einem Artikel des Deutschlandarchivs ist dieser Artikel 1989 von Peter Boris nachgedruckt worden, der auch etwas zu diesen 25 Fällen geschrieben hat. Nach seinen Recherchen sei das nicht immer so gewesen, wie es im ND geschildert wurde. Sie haben mir selbst in Ihrem Besitz befindliche Unterlagen vorgelegt, wonach diese erschossenen Grenzsoldaten zu Helden gemacht und hochstilisiert wurden.
Sind sie denn nun wirklich „meuchlings, hinterlistig und feige ermordet“ worden?

Koch:

Der Fakt ist erst mal: Sie sind tot. Und so tragisch die Geschichte ist: auch das waren Menschenleben. Davon gehe ich erst einmal grundsätzlich aus. Und auch diese jungen Männer, die dort in Uniform ihren Dienst versehen haben, hatten Mütter, hatten eventuell auch Ehefrauen, hatten liebe Freunde und Verwandte.
Diese Soldaten, die dort ihr Leben gelassen haben, sind aus meiner Sicht Opfer dieser Grenze, dieses Grenzregimes. Aber man muss diese Sache grundsätzlich differenzieren. Es gibt sowohl Grenzsoldaten, die von Westberliner Seite erschossen wurden, wie zum Beispiel Peter Göring und Reinhold Huhn, eine Vielzahl von Grenzsoldaten sind jedoch von Flüchtlingen, die gewaltsam versucht haben die Grenze zu passieren und auf Grenzsoldaten gestoßen sind, unter Anwendung der Schusswaffe ihres Lebens beraubt worden. Das muss man so sagen. Aber es gab natürlich auch Grenzsoldaten, die mit ihren Genossen, so hieß es ja, gemeinsam auf Friedenswacht standen und dann beschlossen haben abzuhauen. Damit ihn der andere nicht daran hindert, wurde auch von der Waffe Gebrauch gemacht und der Kollege getötet, um ungehindert und ohne Bedrohung in den Westen flüchten zu können. Jeder Fall ist hier einer für sich, und man kann diese Fälle nicht pauschalisieren. Es ist ein Unterschied, ob man vor dem Mauerbau, als der Helmut Just erschossen wurde, die Möglichkeit hatte, rechts und links an ihm vorbeizugehen, nicht dort zu passieren. Aber die DDR-Propaganda – ich habe ja selber über viele Jahre die Uniform getragen – nutzte natürlich die Ereignisse in der Erziehung der nachfolgenden Grenzsoldaten. Und was ist einfacher in der Erziehung, in der Motivation und der Mobilisierung als auf gemeinsame Blutopfer zurückzugreifen!?
Und so wurden zum Beispiel Peter Göring und Reinhold Huhn, die unmittelbar im ersten Jahr nach dem Bau der Berliner Mauer an dieser Grenze ihr junges Leben verloren hatten, grundsätzlich zu Helden hochstilisiert. Nun gibt es natürlich die Tragik, dass Peter Göring von einem Westberliner Polizeibeamten erschossen wurde im Zusammenhang mit der Flucht eines jungen DDR-Bürgers, den die Westberliner Polizei zu decken versuchte. Da hatte man sofort ein konkretes Feindbild in der Erziehung der nachfolgenden Grenzsoldaten. Ich selber war dort auch Stabsgefreiter und Unteroffizier zu dieser Zeit. Da glaubt man natürlich diese Dinge, weil man ja nicht hingehen und nachgucken kann, wie es tatsächlich war und ob es so war.
Die Soldaten sind dann mit Staatsbegräbnissen geehrt worden. Es gab dann – wie man uns sagte – die Jahrestage ihrer Ermordung, und in den Grenzregimentern wurden Traditionszimmer und Erinnerungsstuben an diese Soldaten errichtet. Das hatte natürlich eine ungeheure psychologische Wirkung in der Erziehung der DDR-Soldaten, bevor man in den Grenzdienst geht, erst einmal in das Zimmer des toten Grenzgenossen geführt zu werden. Und da sieht man die Biographie des Soldaten, das erste Pionierhalstuch, die Urkunde der Jugendweihe, eventuell noch ein Hochzeitsfoto, der letzte Brief von Mutti… Wenn man hier als junger Soldat reinkommt, alles neu ist – die Uniform kratzt noch und passt nicht so richtig -, dann sieht man, was mit so einem jungen Menschen – der ja einer von „uns“ war – geschehen war und beschäftigt sich damit. Natürlich wird’s dann sofort propagandistisch.
Ob’s stimmt oder nicht, sei ja erst einmal dahin gestellt, er ist erst einmal tot und war in diesem Grenzabschnitt tätig. Dann kommt der Nachsatz des jeweiligen verantwortlichen Offiziers, indem er sagte: dieser tote Grenzsoldat hatte den Auftrag, diese Grenze vor Unberechtigten zu sichern. Der Feind, wer es auch immer sein mag, ob Ost oder West – auch die Flüchtlinge sind ja als Feinde kategorisiert worden – hat dieses junge Leben gewaltsam beendet. Dann wird gesagt: Und wenn Sie, Genosse, an dieser Grenze nicht wachsamer sind und aufpassen, in der Handhabung der Waffe nicht schneller sind, dann müssen wir, glaube ich, auf der anderen Seite des Zimmers Ihr Bett dann einmal aufstellen.

Frage:

Also ein warnendes, mahnendes und motivierendes Beispiel für den frischen Soldaten.

Koch:

Ja, genau, so wurde das praktiziert. Mit diesem Erlebnis im Hinterkopf, geht dieser junge DDR-Bürger erst mal in der Uniform des Grenzers in den Grenzabschnitt. Und nun raschelt’s im Unterholz…

Heftiges Lachen auf beiden Seiten.

Koch:

… wir lachen heute darüber, aber erinnern wir uns doch mal selber an unsere Kindheit, wo wir nachts durch den Wald gingen, hatten vorher einen Abenteuerroman gelesen oder einen Indianerfilm gesehen… Wir haben doch hinter jedem Baum so’n Tomahawk schwingenden Indianer gesehen, wohl wissend, dass der nie da war.

Frage:

Hinter jedem Busch sozusagen der Feind und wenn’s nur ein Eichhörnchen war…

Koch:

Genau. Und so wurden diese 25 DDR-Grenzsoldaten in der Erziehung zu sozialistischen Soldatenpersönlichkeiten missbraucht.

Frage:

Wurde dem Grenzsoldaten die Wahrheit gesagt, wie die Grenzsoldaten im Einzelnen umgekommen sind?

Koch:

Eben nicht. Es hat ausgewählte Beispiele gegeben, ich erwähnte vorhin Göring und Huhn…

Frage:

…gut, da war die Sache, soweit wir heute informiert sind, klar, dass sie von Westberliner Polizisten erschossen …

Koch:

… ermordet wurden, vom Feind hinterlistig, heimtückisch, meuchlings, also mit solchen Begriffen dann noch …

Frage:
… darauf konnte man natürlich auch und gerade bei den jungen Neusoldaten mit dem Finger zeigen und Eindruck schinden…

Koch:

… und dann hat es natürlich die Sache gegeben, spektakulär auch, dass ein Flüchtling, ein Soldat, Weinhold …

Frage:

… sehr bekannter Fall …

Koch:

… sehr bekannter Fall… Das Kuriose ist ja, Weinhold ist auch in der Bundesrepublik wegen Tötung eines DDR-Grenzers vor Gericht gestellt und verurteilt worden. Dieses Gerichtsurteil wurde sogar wiederum in der DDR genutzt, um zu sagen, dieser Tod eines Grenzsoldaten wurde sogar von einem westdeutschen Gericht geahndet. Und somit hat man alle anderen in den gleichen Topf mit reingebracht, die, aus welchen Gründen auch immer, an dieser Grenze zu Tode gekommen sind. Natürlich gibt es im Laufe der Jahre die Ereignisse an der Berliner Mauer und die Ereignisse an der innerdeutschen Grenze.

Frage:

Nun soll es ja unter den 25 Grenzsoldaten einen oder mehrere gegeben haben, die auf Anordnung von oben ermordet worden sein sollen, die man nicht in den „Kalten Krieg“ einreihen kann. Was wissen Sie darüber?

Koch:

Von Auftragsmorden an dieser Grenze weiß ich nichts. Ich weiß nur, Angehörige der Grenztruppen, Offiziere, Unteroffiziere und auch Mannschaften versuchten selber eine Fahnenflucht durchzuführen. Und wenn sie selber abhauten in den Westen und der Genosse, den man an und für sich kennt, sich einem in den Weg gestellt hat, dann hat man auch, wenn man die Waffe hat, den Zeitfaktor als Vorteil gehabt. So hat es an der Grenze Situationen gegeben, wo Grenzsoldaten getötet wurden. Es gibt natürlich ein Ereignis mit Auftrag, das ist der Fall Gartenschläger. Der war natürlich kein Grenzsoldat. Der Fall Gartenschläger wurde darüber berühmt, dass er versucht hat, Splitterminen an der Grenze abzubauen und von der Staatssicherheit in Zusammenarbeit mit den Grenztruppen in den berühmten Hinterhalt gelockt wurde, ihn dabei dann zu liquidieren.

Frage:

Gartenschläger war aus dem Westen, um das nochmals zu verdeutlichen, und hatte versucht Splitterminen von westdeutscher Seite abzubauen, um diese dann öffentlich im Westen anzuprangern.

Koch:

Das ist ein ganz konkretes Beispiel, wo ein Auftrag dahinter steht.

Frage:

Aber einen Auftrag, eigene Leute zu erschießen, gab es nicht?

Koch:

Nein, davon ist mir im gegenwärtigen Zeitpunkt nichts bekannt, dass es dort Befehle gegeben hat, diesen oder jenen Grenzsoldaten zu liquidieren. Natürlich hätte man andere Möglichkeiten gehabt, wenn ein Grenzsoldat suspekt ist, wenn er Befehlen entgegen arbeitet, ihn dann heraus zu lösen. Man konnte ihn dann nach Schwedt in den Knast stecken oder konnte mit anderen rechtlichen Mitteln gegen ihn vorgehen.

Frage:

Aber diese 25 Grenzsoldaten wurden nicht ausschließlich vom imperialistischen Feind ermordet?

Koch:

Wer ist imperialistischer Feind?

Frage:

Vielleicht im Inneren der DDR selbst jemand.

Koch:

Es ist ja sehr oft – und das ist ja die Tragik – so gehandelt worden, wenn ich nicht durch die Tür gehen kann, dann suche ich mir ein Schlupfloch. Und dieses Schlupfloch war eben die bewachte Grenze. Und dabei wurde die Möglichkeit, durch eine Mine zerfetzt zu werden, von einem Grenzsoldaten aufgehalten und erschossen zu werden, in Kauf genommen. Aber bei vielen, die das Land der DDR verlassen wollten, war dieser Druck so groß, dass sie diesem Risiko auch damit begegnen wollten, sich den Weg selbst frei zu schießen.

Frage:

Wenn Egon Krenz heute zum Beispiel sagt, bemerkt oder feststellt, dass hinsichtlich der 25 toten Grenzsoldaten keine Strafverfolgung stattgefunden hat – mal abgesehen von dem Fall, der derzeit vor dem Berliner Landgericht verhandelt wird -, dann fordert er auch eine Strafverfolgung teilweise für DDR-Bürger. Oder geht er davon aus, dass alle von westlicher Seite ermordet wurden?

Koch:

Nein, die sind ja meistens von DDR-Bürgern erschossen worden, a) von den eigenen Grenzsoldaten, die flüchten wollten oder b) von Bürgern, die flüchten wollten. Ausnahmen sind Göring und Huhn. Aber von der westdeutschen Justiz sind alle diese Vorgänge, wo ein Grenzsoldat erschossen wurde und wo man den Täter habhaft werden konnte, be- und verhandelt worden, auch fahnenflüchtige DDR-Soldaten sind von einem bundesdeutschen Gericht verurteilt worden.

Frage:

Wenn ich zum Beispiel Stimmen von gewissen Leuten aus der DDR höre, dann sind die 25 Grenzsoldaten alle vom imperialistischen Feind aus dem Westen ermordet worden. Das stimmt ja offensichtlich nicht.

Koch:

Es sind in der Mehrzahl Bürger der Deutschen Demokratischen Republik gewesen, die das Land verlassen wollten und sich den Weg freigeschossen haben.

Frage:

Es wird ja nun immer noch behauptet, Flüchtlinge seien niemals für Tötungsfälle an der DDR-Grenze verurteilt worden, während Grenzsoldaten, die Flüchtlinge erschossen haben, vor Gericht stehen oder gestanden haben.

Koch:
Das stimmt ja eben nicht. Es gibt auch in der Bundesrepublik Gerichtsurteile, in denen Flüchtlinge zur Verantwortung gezogen wurden, wenn sie sich den Fluchtweg mit der Waffe freigeschossen haben und ein Menschenleben – aus welchen Gründen auch immer – für immer beendet haben. Das ist auch ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Die Bundesrepublik hat diese Leute dann zwar nicht zu lebenslänglichen, auch nicht zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt, aber eben nach den Gesetzen der Bundesrepublik bestraft. Das ist natürlich in der DDR nie bekannt gegeben worden.

Frage.

Aber das stand doch in der westdeutschen Presse, die auch in der DDR zur Kenntnis genommen wurde?

Koch:

Wo denn?

Frage:

Überall, zum Beispiel der Fall Weinhold.

Koch:

Ja, der wurde natürlich ausgeschlachtet, weil der Fall Weinhold, der ein ehemaliger DDR-Soldat war, fahnenflüchtig wurde…

Frage:

Der Fall Weiß auch.

Koch:

Das ist natürlich ausgewertet worden, um Nachahmungen einzudämmen und zu verhindern. Und so ist ein Exempel statuiert worden, nach dem Motto: „Wenn du dann in den Westen kommst, wirst du von der bundesdeutschen Justiz zur Verantwortung gezogen.“ Das wirkte sich natürlich auch wieder fluchthemmend auf Fluchtwillige aus, die sich dann sagten, wenn sie dich im Westen einsperren, dann kannst du auch gleich hier bleiben.

Frage:

In wie vielen Fällen gab es denn nun hinsichtlich dieser 25 Grenzsoldaten Verurteilungen von Westberlinern oder bundesdeutschen Gerichten?

Koch:

Das müsste ich nun mal nachzählen, ich habe das nicht genau im Kopf.

Frage:

In wie vielen Fällen gab es keine Verurteilungen, ist das vielleicht leichter nachzurechnen?

Koch:

Das hält sich die Waage. Die meisten von denen sind auch von DDR-Gerichten in Abwesenheit verurteilt worden.

Frage:

Wieder Weinhold vornweg: Er wurde mit Steckbrief an jedem Grenzkontrollübergang gesucht.

Koch:

Genau, so hat es ein Westurteil gegeben und ein Osturteil in Abwesenheit zu diesem Vorgang. Aber das ist eine Sache, die man jetzt sachlich aufarbeiten muss, indem man jeden Fall als Einzelfall an sich betrachtet, weil der Unterschied war, ob die Fälle die Berliner Grenze, die innerdeutsche Grenze oder die Minenfelder betrafen. Wer sind überhaupt die Soldaten gewesen, die dort jemanden an der Grenze aufgehalten haben und dabei selber ihr Leben in die Waagschale warfen? Es hat natürlich auch „Heldentum“ bei den Grenzsoldaten gegeben, indem man sagte, den müssen wir unbedingt kriegen, und dann hat der andere sich natürlich gewehrt. Hätte man die Augen zugemacht, dann wären beide mit einem blauen Auge davon gekommen.

Frage:

Wenn Egon Krenz und andere heute behaupten, diese Sachen sind grundsätzlich ungesühnt geblieben, dann stimmt das einfach nicht und ist Propaganda?

Koch:

Das ist Propaganda. Die Vorgänge sind von der Erfassungsstelle in Salzgitter bearbeitet worden, und wenn man den Menschen fassen konnte, ist er auch von den Gerichten in der Bundesrepublik verurteilt worden in Fällen, wo gewaltsam die Grenze durchbrochen wurde und Menschenleben beendet wurden. Diese Situation wird heute propagandistisch sehr gerne vom Politbüro und von den Grenzoffizieren mit in die Waagschale geworfen, indem behauptet wird, dies sei eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der DDR gewesen.

Frage:

Sind auch Personen verurteilt worden, die von westlicher Seite auf DDR-Grenzsoldaten geschossen haben?

Koch:

Konnte man schlecht machen, oft sind sie anonym geblieben. Es hat sehr viele Situationen gegeben, wo von Westberliner Seite geschossen wurde. Das Ministerium für Staatssicherheit hat natürlich versucht, durch seine Kontaktpersonen im Westen aufzuklären und diejenigen festzustellen, wer sie sind oder welchem Personenkreis sie angehören. Wie wir wissen, hatte die Staatssicherheit auch im Bundesgrenzschutz Leute und Mitarbeiter, um an Informationen und Dokumente zu kommen. So gab es bei einigen Westbürgern Urteile in Abwesenheit, aber Urteile gegen DDR-Bürger sind nur dann gefällt worden, wenn man genaue Personenkenntnisse hatte, dann wurden sie natürlich auch in Abwesenheit zu Höchststrafen verurteilt.

Frage:

Können wir abschließend feststellen, dass die hinsichtlich der 25 toten DDR-Grenzsoldaten festgestellten Täter aufgestellte Behauptung, sie seien von Westgerichten nicht verurteilt worden, falsch ist?

Koch:

Ja, eindeutig falsch.

Interview: Dietmar Jochum, TP Berlin, 8. Januar 1998

Fotos: Hagen Koch

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