Gelinkt und gelenkt Die Autoren Andreas Dietrich und Peter Boeck über die Drogen-, Rotlicht- und Harley-Szene der 80er Jahre

Gelinkt und gelenkt

Gelinkt und gelenkt

Die Autoren Andreas Dietrich und Peter Boeck über die Drogen-, Rotlicht- und Harley-Szene der 80er Jahre

Von Dietmar Jochum, TP Berlin

Schon als „Icke“, so der Name des Protagonisten der Roman-Trilogie, und seine Freunde die drei Mercedes-PKW von der Spree-Metropole nach Hamburg zur Verschiffung in den Libanon überführt hatten, schwante ihnen, dass sie „sehr diskret gelenkt“ wurden, wobei „sehr diskret gelinkt“ der passendere Ausdruck gewesen wäre.
Die Anwesenheit, auch hier wohl eher passend: das plötzliche Auftauchen des Libanesen Josef am Pier 13 des Hamburger Freihafens, der ihnen überraschend und unaufgefordert zehn Kilogramm Haschisch auf Kommissionsbasis anbot, erweckte gleich den Argwohn der Berliner Jungs, „dass sich die Begleitumstände unseres gerade beendeten Treffens wohl nicht so zufällig ergeben hatten, wie es auf den ersten Blick aussah“.
In der Tat: Zwei Wochen später bei der Übergabe der PKW im Libanon, Josef war schon wieder vor Ort, erklärte er den „Berliner Jungs“, dass sie mit keinerlei Bezahlung für die aus Deutschland exportierten Fahrzeuge rechnen können. Im Krisen geschüttelten Libanon Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts würden, so ein offensichtlicher Vorwand, von den Parteien das Geld gehortet, um sich mit Waffen zu versorgen.
Auf dem Weg zu den Autoabnehmern (Drogenanbauern) wurden den Berlinern die Augen verbunden, damit sie die Standorte der Raketenstellungen von potentiellen Bürgerkriegsbeteiligten nicht sehen konnten, die ihre Drogenfelder vor Angriffen der Israelis so schützen wollten.
„Icke“ und seinen Freunden wurde angeboten (wohl in der Art, dass sie das Angebot nicht ablehnen konnten), mit Haschisch bezahlt zu werden. Das war, so die Autoren, der aus der Not geborene Anfang eines über die Jahre florierenden Drogenhandels zwischen Berlin und Hamburg.
Um die mysteriöse Anlieferung nach Frankreich kümmerte sich Josef, den Weitertransport nach Berlin besorgte das Team um „Icke“. Im Rotlichtmilieu der Hansestadt, das eingehend – auch um schillernde Kiezgrößen und Dandyzuhälter wie etwa „der schöne Klaus“ oder „der schöne Micha“ („Gesellschafter“ der seinerzeit berüchtigten St-Pauli-„GmbH“) – geschildert wird und in dem „Icke“ seine große Liebe „Rossi“ kennen lernte, bestimmten Drogen, illegale Auslandsgeschäfte, Sex und Harleys den Puls der Zeit.
„Icke“, anfangs mehr skeptisch und besorgt „verheizt“ zu werden, wurde aber sehr schnell klar, dass vor allem in dem Verkauf der im Libanon in Aussicht gestellten Drogen mehr Geld zu verdienen war, als wenn er sich in Beirut für die PKW hätte auszahlen lassen. Davon versuchte er nun auch den letzten Zweifler zu überzeugen.
Das Geschäft lief auch schon bald auf Hochtouren. Deutschland wurde seinerzeit regelrecht – tonnenweise – mit libanesischem Haschisch überschwemmt. Und der Lebensstil der Berliner nahm ungeahnte Formen an. Der Einstieg in die organisierte Kriminalität nahm ebenfalls seinen Lauf.
Der Bundestag nahm diesen Fall seinerzeit sogar zum Anlass, die Höchststrafe für Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz von zehn auf fünfzehn Jahre heraufzusetzen.
Äußerst spannend und fundiert geben die Autoren Andreas Dietrich und Peter Boeck, beide ausgewiesene Kenner der Szene, jene Ereignisse um den Drogenhandel Anfang der 80er Jahre wieder. Im Mittelpunkt der Romantrilogie, die eher als ein authentischer Tatsachenbericht bezeichnet werden kann, steht vornan der Protagonist „Icke“ und seine in Hamburg gefundene große Liebe „Rossi“.
Boeck und Dietrich geben tiefe Einblicke in die Harley-Szene, das Hamburger Rotlichtmilieu, die Berliner Bordellszene, aber auch die Städte Paris und das von Krisen geschüttelte und von Journalisten und Kriminellen belagerte Beirut bilden den kontrastreichen Hintergrund des Geschehens.
Dass der Verlag diesen Roman in drei Bände aufteilte, ist zwar bedauerlich, schadet aber der Verständlichkeit und dem Rhythmus der Schilderungen und Abläufe in keiner Weise. Man ist gespannt auf den weiteren Gang der Dinge. Hier tobt das Leben von der ersten bis zur letzten Seite.

Andreas Dietrich/Peter Boeck: Halbzeit, 3 brosch. Bände, Mohland Verlag Goldebek, pro Band je 12,50 Euro.
Band 1: Jenseits der Regeln, Band 2: Heißer Asphalt, Band 3: Tanz auf dem Vulkan.

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