Vom Schlechten lebt es sich nicht schlecht.

Vom Schlechten lebt es sich nicht schlecht.

Von Dr. Thomas Galli, Augsburg.

Anlässlich eines Vortrages, den ich über die aus meiner Sicht notwendigen und realistischen Reformen des Strafrechts auf dem 42. Strafverteidigertag in Münster gehalten habe (veröffentlicht hier: https://www.strafverteidigervereinigungen.org/Schriftenreihe/Texte/Band%2042/Galli_51_64_41SchrStVV.pdf ), musste ich über die Frage nachdenken, inwieweit derartige Reformen denn überhaupt auch in meinem persönlichen Sinne sind. Dies hängt mit einer weiteren Frage zusammen, die viele Menschen betrifft, und die ich daher hier kurz ansprechen will. Diese Frage lautet zugespitzt: ist es moralisch vertretbar von etwas zu leben, das man für schlecht oder falsch hält?

Man denkt von sich selber, dass man für das Gute und Richtige lebt und arbeitet. Aber das ist eben nur eine Seite der Medaille. Ich lebe als Rechtsanwalt davon, Menschen zu vertreten, die bestraft, eingesperrt oder abgeschoben werden (sollen), und sich dagegen zur Wehr setzen wollen. Ich lebe auch davon, die Rechte von Opfern von Straftaten z.B. bei der Durchsetzung von Schmerzensgeldansprüchen zu vertreten. Und ich lebe als Buchautor und Vortragsredner von den Themen Kriminalität, Strafrecht und Strafvollzug. Ich lebe also gar nicht schlecht von dem Schlechten, bzw. davon, dass andere Menschen etwas tun, was ich mal für falsch, mal für verbesserungswürdig, mal für schädlich und mal auch für zutiefst böse halte. Das heißt, dass ich wohl nicht mehr so gut leben würde, wenn es weniger Gewalt der Menschen untereinander und ein sinnvolleres Strafrecht gäbe. Und nicht nur, dass ich gut von dem Schlechten lebe, ich halte es zumindest teilweise auch umgekehrt am Leben. Das Strafrecht und der Strafvollzug, die ich beide für reformbedürftig halte, würden auf Dauer wohl eskalieren und nicht funktionieren, wenn es nicht auch viele Menschen gäbe, die in verschiedensten Funktionen immer wieder versuchen, im Kleinen auszugleichen. Bei Lichte betrachtet besteht dieses Dilemma jedoch bei sehr vielen Berufen: Sozialarbeiter_innen wären in einer Gesellschaft ohne soziale Probleme arbeitslos, Ärzt_innen hätten nichts zu tun, wenn es keine Krankheiten gäbe, Journalist_innen ohne Missstände nichts zu schreiben, Therapeut_innen in einer Welt ohne psychische Probleme niemanden zu therapieren, Seelsorger_innen sich um niemanden zu kümmern, wenn der allseitige Seelenfrieden ausgebrochen wäre. Sehr viele Menschen leben also davon, einerseits für etwas zu arbeiten (den Menschen, seine Gesundheit etc.), aber eben auch gegen etwas Schlechtes (Krankheiten, Probleme etc.). Bei allen politisch tätigen ist es ohnehin so. Zum Teil profitiert also fast jeder Mensch von etwas, das er für schlecht und bekämpfenswert hält. Die moralische Frage, die man sich aus meiner Sicht stellen sollte, kann also nur die sein, ob man das „Schlechte“ durch sein Handeln unter dem Strich vergrößert oder verkleinert. Besonders virulent wird diese Frage beispielsweise bei Priestern in den USA, die Hinzurichtende in ihren letzten Stunden und Minuten begleiten. Würden sie es nicht tun, wäre das wohl für viele Todeskandidaten besonders tragisch. Andererseits: könnte sich die Todesstrafe in den USA so gut halten, wenn kein Geistlicher sich bereitfände, die Hinzurichtenden zu begleiten?

Jeder muss diese Fragen letztlich für sich selbst beantworten, wobei allen hehren Überlegungen letztlich Grenzen gesetzt sind, die Bertolt Brecht am besten auf den Punkt gebracht hat: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“

Fotoquelle: TP Presseagentur Berlin

Eine Antwort

  1. Das ist doch in vielen Berufen so. Ärzte besiegen Krankheiten und befassen sich dann mit der Präventation oder mit der Entwicklung von Impfstoffen. Sozialarbeiter sammeln Erfahrung und befassen sich mit der Entwicklung von präventiven Projekten. Im IT-Bereich arbeiten viele daran, durch Automation die Arbeitsplätze anderer überflüssig zu machen. Das ist Fortschritt, der den Menschen, betrachtet über ihre Entwicklung hinweg, immer Vorteile und neue leichtere Arbeitsfelder gebracht hat. Und wir Juristen haben nach der Vision einer Strafrechtsreform die Funktion von Beratern in Konflikten, Moderatoren, Mediatoren, entwickeln Projekte zur Konfliktschlichtung und Vermittlung zwischen Aggressoren und ihren Opfern. Da wird es viel zu tun geben. Daher tun Sie nichts Schlechtes, sondern arbeiten in die richtige Richtung und moderieren den fachlichen und politischen Weg in eine bessere Zukunft. Weiter so und Danke für Ihr Engagement.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*