„Auch auf dem Land ist Erfindergeist zu Hause, auch auf dem Land wächst Neues!“.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnungsfeier „100 Jahre Internationale Grüne Woche Berlin“ am 15. Januar 2026 in Berlin.

Die erste Grüne Woche begann stürmisch. Die beiden Fesselballons „von gewichtiger Größe“, die bei der Eröffnung am 20. Februar 1926 über den Berliner Ausstellungshallen schwebten, wurden von Wind und Regen hin- und hergepeitscht. Auch das Presseecho am Tag darauf fiel recht durchwachsen aus. So bemängelte die „Berliner Morgenpost“, dass es der Grünen Woche – die Idee dafür hatte ein Mitarbeiter im Fremdenverkehrsamt – für eine Landwirtschaftsmesse an Maschinen und Tieren fehle. „Aber“, so räumte der Journalist ein: „[…] es ist ein guter Anfang und es ist ihm voller Erfolg zu wünschen, wenn er auch nicht in der Annäherung von Stadt und Land bestehen wird, von der in offiziellen Begrüßungsreden reichlich viel gesprochen wurde.“

Heute wissen wir: Der Wunsch hat sich erfüllt. Die Messe ist zu einer der größten internationalen Leistungsschauen für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau herangewachsen, sie strahlt heute als „Internationale Grüne Woche“ weit über Berlin hinaus und zieht seit vielen Jahren Aussteller an – zuletzt mehr als 1.500 aus über fünfzig Ländern. Und mit ihnen mehr als 300.000 Besucherinnen und Besucher aus aller Welt. Ich gratuliere zu diesem Erfolg! Und herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag.

Hinter den Zahlen steht eine wechselvolle Geschichte, mit helleren und dunkleren Kapiteln, mit Brüchen und Neuanfängen. Einige Eindrücke aus dieser Geschichte haben wir gerade gesehen, ich möchte Sie aber einladen, die kleine Zeitreise noch ein wenig fortzusetzen. Denn sie erzählt uns viel über unsere Gegenwart. Als die Grüne Woche Mitte der 1920er Jahre gegründet wurde, war Berlin die größte Industriestadt Europas, eine rastlose, pulsierende Metropole. Das Zentrum der noch jungen ersten deutschen Republik, der damals ein kurzer Moment des Aufatmens vergönnt war. Es war eine Zeit großer Hoffnungen und Erwartungen.

Und das galt auch, wie wir gehört haben, für diese Messe: Die „Annäherung von Stadt und Land“, das war schon vor 100 Jahren ein hoher Anspruch. Und schon vor 100 Jahren ging es um viel: um gesellschaftlichen Zusammenhalt, um die Angleichung von Lebensverhältnissen, um Identität – damals wie heute. Den Austausch zwischen Stadt und Land zu pflegen, zwischen unterschiedlichen Lebenswelten zu vermitteln, den zentrifugalen Kräften entgegenzuwirken, die keinerlei Sympathie für die fragile erste deutsche Demokratie hatten – das war keine leichte Aufgabe.

Aber diese Zeit war auch eine der Neuanfänge, in Politik, in Kunst und Kultur. Auch die Wissenschaft blühte auf: Von den 36 naturwissenschaftlichen Nobelpreisen, die zwischen 1919 und 1933 verliehen wurden, ging jeder dritte an einen Forscher aus Deutschland. Der technische Fortschritt veränderte die Lebens- und Arbeitswelt der Menschen ungeahnt: Elektrizität hielt Einzug in Wohnhäuser und Fabriken, das Radio wurde zum Massenmedium. Auch hierzulande rollten jetzt – wie zehn Jahre zuvor in Detroit – Autos vom Fließband, seit 1921 fertigte man in Mannheim den Lanz HL 12. Er war der Urvater der legendären „Bulldogs“, die damals mit einer Aufsehen erregenden Leistungsfahrt von sich Reden machten – in 396 Stunden nonstop von der Kurpfalz nach Berlin. Zwei Jahre bevor die Grüne Woche zur Leistungsschau für alles wurde, was in der Landwirtschaft von morgen für Innovation und Wohlstand sorgen sollte. Und das ist – bei allem Wandel – ein Markenzeichen dieser Messe geblieben, auf das Sie stolz sein können!

Gleichzeitig – auch daran sollte man erinnern – herrschten in weiten Teilen der Gesellschaft noch immer bittere Armut und große soziale Ungleichheit. Der Fortschritt erreichte Stadt und Land in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, sorgte für Gewinner und Verlierer, und statt einer Annäherung entfremdete die industrielle Revolution Stadt und Land weiter voneinander. Der Kulturgeograph Werner Bätzing beschreibt diesen Prozess so: „Die Stadt steht jetzt für Fortschritt, Innovation, hohe Lebensqualität und Attraktivität, das Land dagegen für Beharrung, niedrige Lebensqualität und Langeweile.“ Und dieser etwas herablassende Blick auf das Ländliche wirkt bis heute fort – auch in unseren Debatten um „gleichwertige Lebensverhältnisse“.

Mir ist es sehr wichtig, dass wir anders auf ländliche Räume schauen – ich bin, wie Sie wissen, selbst in einem Dorf aufgewachsen, in Lippe, im Ostwestfälischen. Denn es ist doch so: Immer noch wohnen mehr als die Hälfte der Menschen in unserem Land eben nicht in den urbanen Zentren. Und trotzdem bekommen diese ländlichen Räume nicht die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die sie verdienen. Ja, die Lebenserfahrungen dort sind andere als in den großen Städten. Aber auch sie sind leistungsfähig und modern, auch dort entsteht Kunst, auch dort wächst Wissen, auch dort gibt es wertvolles Engagement von Menschen, die sich für andere einsetzen: von der Freiwilligen Feuerwehr bis zum genossenschaftlich organisierten Dorfladen, von den Landfrauen bis zum örtlichen Bündnis für Demokratie und Vielfalt.

Allen, die sich dort – mit Herzblut, Hingabe und Tatkraft – engagieren, möchte ich auch heute danken! Respekt und Anerkennung für die Landwirtschaft, für die dort Tätigen und den ländlichen Raum insgesamt – darum geht es mir! Und deshalb habe ich auch ganz bewusst eine schon verlorene Tradition wiederbelebt: Seit neun Jahren wird die Erntekrone wieder jedes Jahr an das Staatsoberhaupt übergeben. Und dazu kommen nicht etwa die Landwirte nach Berlin, nein. Als Bundespräsident fahre ich meistens gemeinsam mit dem Präsidenten des Bauernverbandes und der Präsidentin der Landfrauen – Herbst für Herbst – in die ländlichen Regionen unseres Landes, in Nord und Süd, in West und Ost, um die Krone zum Erntedank entgegenzunehmen, gebunden von den örtlichen Landfrauen, im Anschluss an einen Gottesdienst.

Und jedes Mal, wenn ich in den ländlichen Räumen unseres Landes unterwegs bin, bin ich beeindruckt von der Innovationsfreude und vom Ideenreichtum abseits der Metropolen und Ballungszentren. Nicht zuletzt, wenn es um moderne Landwirtschaft geht: Ich erinnere mich zum Beispiel gut an einen Besuch in Müncheberg im Landkreis Märkisch Oderland. Was das dortige Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung präsentiert hat, war faszinierend: Da wurde auf Grundlage satellitengestützter Bodenanalysen gepflanzt, da wurden Ackerfrüchte angebaut, die auch einem fortschreitenden Klimawandel standhalten können, da wurden autonome Roboter zum Pflanzenschutz und Drohnen zur Schädlingsregulierung eingesetzt. Ich bin überzeugt: An solchen Orten wird die Zukunft der Landwirtschaft geschrieben – und sie ist „smart“ im besten Sinne.

Man kann es nicht oft genug betonen: Auch auf dem Land ist Erfindergeist zu Hause, auch auf dem Land wächst Neues! Auch der ländliche Raum ist Zukunft! Dafür werbe ich landauf, landab in meinen Gesprächen, auch bei meinen „Ortszeiten“, bei denen ich bewusst meinen Amtssitz jeweils für drei Tage in einen kleineren Ort fernab der großen Städte verlege, um zu hören, was die Menschen bewegt, was sie beschäftigt, welche Wünsche und Träume sie haben. Und bei jeder dieser Ortszeiten bin ich begeistert von ihrer Tatkraft, ihren Ideen, ihrem Engagement.

Aber ich will nichts schönreden: Ich höre unterwegs auch von den Schwierigkeiten, Härten und Herausforderungen der Menschen, die in den „grünen“ Berufen, in Land- und Forstwirtschaft oder im Gartenbau arbeiten. In Stendal zum Beispiel berichteten die örtlichen Obstbauern über die verheerenden Schäden durch Frost und Hagel – aber auch, wie groß der Aufwand ist, um in solchen Fällen Unterstützung vom Staat zu bekommen. Ich bin überzeugt, wir müssen unsere überbordende Bürokratie eindämmen, um den Beruf des Landwirts attraktiv zu halten, auch und gerade für kleinere Betriebe!

Technischer Fortschritt kann in vielen Bereichen in der Landwirtschaft dabei helfen, Herausforderungen zu meistern – wenn etwa Automatisierung fehlende Fachkräfte ausgleichen kann. Aber wo es um Regeln und Gesetze, Verordnungen und Richtlinien geht, da braucht es auch politische Entscheidungen, da sind Verhandlungen und Kompromisse notwendig – auch mit Partnern rund um den Globus, in internationalen Gremien und Institutionen.

Sie alle wissen, dass internationale Zusammenarbeit in jüngster Zeit nicht einfacher geworden ist. Umso wichtiger ist, dass wir Europäer auch in Zukunft stark und geeint auftreten und die Zusammenarbeit in der Landwirtschaft auch im internationalen Rahmen aktiv mitgestalten. Auch deshalb ist ein Abkommen wie Mercosur so wichtig. Mir ist klar, dass manche Landwirte in Deutschland diesem Abkommen noch skeptisch gegenüberstehen, obwohl mehr als 25 Jahre darüber verhandelt wird. Trotzdem bin ich angesichts der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen unserer Zeit überzeugt: Gerade jetzt brauchen wir neue Allianzen und neue Partner! Ich freue mich, dass so viele Agrarministerinnen und -minister und Vertreterinnen und Vertreter internationaler Organisationen hier in Berlin sind! Seien Sie alle sehr herzlich willkommen!

Der Agrarsektor ist für uns alle existenziell, erst recht angesichts der weltweiten Herausforderungen und Krisen in jüngerer Vergangenheit. Selbst wenn uns das schon sehr weit zurückzuliegen scheint: Erst als wir in der Corona-Pandemie fürchten mussten, dass die Regale im Supermarkt leer bleiben, wurde vielen noch einmal neu bewusst: Hinter Zucker- und Mehlpackungen, hinter Speiseöl und Brot steht eine Liefer- und Produktionskette, die wertvoll ist, die verlässlich sein muss, die nicht reißen darf. Und die beim Anbau der dafür notwendigen Rohstoffe beginnt.

Wahr ist aber auch: Unsere Landwirte bewegen sich in einem immer schärferen Spannungsfeld zwischen Verbraucher- und Erzeugerpreisen. Und oft verlieren sie in den Preiskämpfen um das günstigste Supermarktangebot. Immer mehr kleinere Betriebe müssen aufgeben, und das ist eine Entwicklung, die uns sorgen muss. Gerade sie brauchen die Unterstützung der Politik, damit unsere Landwirtschaft vielfältig und konkurrenzfähig bleibt. Und bei vielen kommt die Unsicherheit dazu, wie es mit der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik weitergeht.

Kurzum: Die Landwirtschaft lebt mit großen Herausforderungen. Ich befürchte, das wird sich mindestens kurzfristig nicht ändern. Eine der größten sind die Folgen des Klimawandels, die auch wir in Europa immer stärker zu spüren bekommen. Schon jetzt erleben wir auch in Deutschland, dass immer häufiger Starkregen vom Himmel stürzt, uns Hitzewellen überrollen, Dürreperioden sich häufen, Flüsse austrocknen, Wälder brennen – jedes Jahr, nur wenige Kilometer entfernt, im Brandenburgischen. Wir müssen daraus Konsequenzen ziehen, uns an das anpassen, was sich nicht mehr abwenden lässt; vor allem aber müssen wir alles dafür tun, noch dramatischere Folgen zu vermeiden und die Dynamik des Klimawandels zu reduzieren. Land- und Forstwirtschaft sind dabei Treiber und Getriebene zugleich. Sie bekommen die Folgen besonders früh und besonders deutlich zu spüren. Schon allein deshalb ist es ein Gebot der Vernunft, dementsprechend zu handeln. Aber auch hier sind kluge politische Lösungen notwendig.

Hundert Jahre Grüne Woche umfassen eine Zeitspanne, in der sich das ökologische Gleichgewicht unseres Planeten massiv verschoben hat. Auch der Agrarsektor hat sich in dieser Zeit grundlegend gewandelt, insbesondere seit den 1960er Jahren, im Zuge der „Grünen Revolution“ – mit seiner Technisierung, seinen internationalen Verflechtungen und wachsenden Interessengegensätzen, nicht zuletzt zwischen ökologischer, konventioneller und industrialisierter Landwirtschaft.

Die gute Nachricht ist: Im weltweiten Maßstab hat die moderne Agrarindustrie das Potenzial, den globalen Hunger zu überwinden. Aber gleichzeitig sind die Schäden nicht zu übersehen, wo Monokulturen, Überdüngung und Pestizide Böden zerstören und die Artenvielfalt gefährden, die auch die Landwirtschaft braucht. In diesem Spannungsfeld steht die Agrarwirtschaft: Sie will und muss Wege finden, leistungsfähig zu wirtschaften, und trotzdem nachhaltig sein. Aber sie ist dabei auf Unterstützung angewiesen, aus der Politik, aus der Wissenschaft, aus der gesamten Gesellschaft.

Was wir uns immer wieder bewusst machen sollten: Bei der Frage, wer genug zu essen hat und wie Nahrungsmittel angebaut, verarbeitet und gehandelt werden, geht es immer auch um Gerechtigkeit, um Sicherheit und Macht, um den Zugang, aber auch um den Schutz von Ressourcen wie Boden und Luft, vor allem Wasser!

Dabei steht oft genug betriebswirtschaftlicher Druck gegen reine Lehre, Energiesicherheit im Tank gegen Ernährungssicherheit auf dem Teller, der Wunsch nach preiswerten Lebensmitteln gegen die Notwendigkeit, nachhaltiger zu produzieren. Jede Menge Zielkonflikte. Also: Wie damit umgehen?

Unsere Demokratie zeichnet es aus, dass solche Fragen in freier öffentlicher Debatte verhandelt werden. Und Debatte braucht Orte des Austauschs, Orte der Begegnung. Die Grüne Woche ist solch ein Ort. Ich weiß: Wenn es um die Zukunft von Landwirtschaft und Ernährung geht, geht es auch um das Selbstverständnis ganzer Regionen, um tief verwurzelte Traditionen, um Lebensentwürfe und Existenzen. Aber auch solche Debatten müssen mit Verantwortung für das gesellschaftliche Ganze werden.

Auch deshalb ist die Grüne Woche so wichtig. Sie verbindet scheinbar Gegensätzliches miteinander, seit einhundert Jahren: Globales und Lokales, Innovation und Tradition, Landleben und Hauptstadtflair. Dass sie erfolgreich mit dieser Stadt und unserem Land gewachsen und verwachsen ist, ist nicht zuletzt das Verdienst der Vielen aus Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft und Gartenbau, die sich für diese Messe engagieren. Dafür danke ich Ihnen allen! Und ich bin überzeugt, sie wird ein Ort bleiben, an dem – wie zu Beginn vor 100 Jahren – die großen Zukunftsfragen verhandelt werden: Wie wollen wir leben? Wie wollen wir uns ernähren? Wie gehen wir mit unseren Ressourcen verantwortungsvoll um?

Zu all diesen Fragen wünsche ich Ihnen gute Gespräche und viele neue Ideen. Ich wünsche Ihnen viele interessante Begegnungen und Einblicke bei der Internationalen Grünen Woche 2026! Und auch das darf während Ihrer großen Jubiläumsausstellung nicht fehlen: Viel Vergnügen!

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