Staatsminister Weimer kritisiert Gerechtigkeitslücke im Musikstreaming und fordert gerechte Entlohnung für Künstlerinnen und Künstler.

Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, hat gestern namhafte Musikerinnen und Musiker sowie Songwriterinnen und Songwriter aus dem Bereich der Pop-Musik ins Bundeskanzleramt eingeladen. Im Mittelpunkt stand eine Frage, die die gesamte Branche bewegt: Wie kann Musikstreaming im digitalen Zeitalter fair für diejenigen funktionieren, die Musik schaffen? Zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gehörten unter anderem Herbert Grönemeyer, Peter Maffay, Balbina, Christopher Annen (AnnenMayKantereit), Annett Louisan, Daniel Grunenberg (Glasperlenspiel) und Sylvia Kollek (Fair Share Initiative).

Nach dem Austausch erklärte Staatsminister Weimer: „Musikstreaming ist aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. Doch wir müssen uns auch fragen, wie es den Künstlerinnen und Künstlern geht, die diese Musik erschaffen. Ihre wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich durch das digitale Streaming grundlegend verändert. Wir müssen uns ehrlich fragen: Wer trägt eigentlich das System und wer profitiert davon?“

Staatsminister Weimer betonte, dass dringender Handlungsbedarf bestehe: „Es kann nicht sein, dass einige wenige Superstars Millionen verdienen, während die große Mehrheit kaum von den Einnahmen aus dem Musikstreaming leben kann. Transparenz ist der Schlüssel: bei Erlösen, Algorithmen und Vertriebswegen. Nur so kann eine faire Entlohnung entstehen.“

Staatsminister Weimer rief die Akteure der Branche – Labels, Streamingdienste, Verwertungsgesellschaften, Musikschaffendeauf, gemeinsam Lösungen zu finden: „Wir brauchen strukturelle Verbesserungen. Wichtig ist, dass die Musikschaffenden dabei gleichberechtigt mit am Tisch sitzen. Außerdem muss das Thema auch auf europäischer Ebene wieder angegangen werden. Hierfür werde ich mich kulturpolitisch einsetzen. Wir müssen gemeinsam sicherstellen, dass Musik im digitalen Zeitalter nicht nur für die Nutzerinnen und Nutzer, sondern auch für die Künstlerinnen und Künstler einen echten Wert behält. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.“

Stimmen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gesprächs

Christopher Annen (AnnenMayKantereit, Gitarrist, Co-Vorsitzender PRO MUSIK): „Wir müssen als Musikschaffende in die Lage versetzt werden, auf Augenhöhe mit Streaminganbietern und Rechteinhabern zu verhandeln. Wir liefern die Grundlagen für ihr Geschäft, wir verdienen Transparenz und eine angemessene Partizipation.“

Balbina (Hauptsprecherin Akademie für Populäre Musik): „Ich setze mich seit vielen Jahren dafür ein, dass Musikerinnen und Musiker nicht nur Gegenstand kulturpolitischer Entscheidungen sind, sondern als Beteiligte dieses Wirtschaftssektors selbst mit am Verhandlungstisch sitzen. Genau dafür braucht es Räume, in denen diese Perspektiven gebündelt und hörbar werden. Die Deutungshoheit über die Zukunft der Musik darf nicht allein bei den Unternehmen liegen, die ihre Infrastruktur betreiben, sondern muss auch bei denen liegen, die die Werke schaffen. Dieser Dialog kann deshalb nur ein Anfang sein – und muss sich zu einer dauerhaften politischen Beziehung entwickeln, in der die Vielfalt musikalischer Perspektiven systematisch einbezogen wird. Dass der Kulturstaatsminister uns heute diese Tür geöffnet hat, ist ein wichtiges Signal – jetzt geht es darum, sie auch offen zu halten.“

Herbert Grönemeyer (Akademie für Populäre Musik): „Mit meinem Label Grönland Records versuche ich, neue Künstlerinnen und Künstler wirtschaftlich aufzubauen. Dabei zeigt sich täglich, dass sie unter heutigen Marktbedingungen nicht mehr die Chancen haben, die frühere Generationen hatten. Wenn innovative Musik in diesem System kaum noch etabliert werden kann, ist das kein individuelles Problem, sondern eine strukturelle Gefährdung eines gesamten Wirtschaftssektors. Genau darauf haben wir heute im Zentrum der Demokratie hingewiesen – und klar gemacht, dass jetzt gehandelt werden muss.“

Daniel Grunenberg (Glasperlenspiel, Akademie für Populäre Musik): „Klickfarmen und künstliche Streams verzerren Nachfrage und Algorithmen. Das untergräbt einen marktbasierten Wettbewerb, in dem eigentlich die Entscheidung der Hörerinnen und Hörer die Vergütung bestimmen sollte.“

Maeckes (Akademie für Populäre Musik): „Kein Handwerker würde akzeptieren, nach der Anzahl der Nutzungen seiner Arbeit bezahlt zu werden. Im Streaming passiert genau das: Nutzung ersetzt Wert – und daraus entsteht ein Vergütungsprinzip, das systemisch falsch angelegt ist.“

Peter Maffay (Akademie für Populäre Musik): „Im Musikstreaming ist der Marktmechanismus aus dem Gleichgewicht geraten: steigende Umsätze bei sinkender wirtschaftlicher Teilhabe der Künstlerinnen und Künstler. Das ist nicht nur ein moralisches, sondern auch ein strukturelles Problem eines Wirtschaftssektors. Entscheidend ist ein funktionierender Erlösmechanismus. Dafür braucht es politischen und öffentlichen Handlungsdruck – diesen Impuls haben wir heute klar an den Staatsminister adressiert.“

Axel Müller (freischaffender Musiker, Studiomusiker/ Arrangeur/ Sideman, Gründungsmitglied PRO MUSIK): „Das Ökosystem Musik ist defekt: Musikproduktion ist für die breite Masse der Musiker*innen unwirtschaftlich geworden, weil das Musik-Streaming als derzeitiger Hauptvertriebsweg keine auskömmliche Einnahmequelle darstellt. Dadurch stirbt die musikalische Vielfalt aus, während der Gewinn von Streaming-Plattformen und Major-Labels jährlich steigt. Das ist Monopolisierung zu Lasten der Kreativen. Es braucht Transparenz und Regulierungen, um Musiker*innen fair zu vergüten.“

Karo Schrader (Akademie für Populäre Musik): „Gerade im Songwriting fehlt es an Transparenz und fairer Bezahlung. Songs werden von Millionen Menschen gehört, aber die Menschen, die sie schreiben, können davon oft nicht leben – das zeigt, dass im System etwas grundlegend nicht stimmt.“

Hintergrund

Anlass des Gesprächs war eine Studie, die vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wurde. Für die Untersuchung wurden deutschlandweit 3.000 Musikschaffende befragt. Über 74 Prozent der Befragten sind unzufrieden mit den Einnahmen aus Musikstreaming, weniger als 9 Prozent sind zufrieden. Eine Datenanalyse des deutschen Marktes über einen Zeitraum von 20 Jahren macht zudem deutlich: Im Jahr 2023 entfielen 75 Prozent der Umsätze auf 0,1 Prozent der Künstlerinnen und Künstler, umgekehrt erzielten 68 Prozent der Künstlerinnen und Künstler weniger als 1 Euro Umsatz. Die Vergütungssituation wird zudem durch mangelnde Transparenz erschwert.

Die vollständigen Ergebnisse der Studie finden Sie hier:

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