Bundespräsident Steinmeier kondoliert zum Tod von Jürgen Habermas.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat der Tochter und dem Sohn von Jürgen Habermas zum Tod ihres Vaters kondoliert. Der Bundespräsident schreibt:
„Mit großer Traurigkeit habe ich vom Tod Ihres Vaters erfahren. Ich spreche Ihnen mein tief empfundenes Beileid aus.
Ich hatte das Privileg, mit Ihrem Vater bis zuletzt im Austausch zu sein und erinnere mich mit Dankbarkeit an das Gespräch mit ihm bei meinem letzten Besuch in Starnberg im Januar, in dem seine tiefe Sorge über unsere Gegenwart zu spüren war. Am Ende seines Lebens musste Ihr Vater mehrere persönliche Schicksalsschläge ertragen. Ich weiß, die politischen Entwicklungen in Deutschland und Europa haben ihn bedrückt und zweifeln lassen, zumal er bei nachlassenden Kräften den Anspruch hatte, sein Wort gegen Gewalt und Unrecht zu stellen.
Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen großen Aufklärer, der die Widersprüche der Moderne durchmessen hat. Er hat uns das Ethos des demokratischen Diskurses gelehrt und die Emanzipation des Menschen als unaufgebbares Ziel begründet.
Über viele Jahrzehnte hat Jürgen Habermas den wissenschaftlichen wie auch den politischen Diskurs in unserem Land und weit darüber hinaus geprägt, bereichert und vorangetrieben. In seinem Wirken verbanden sich auf unverwechselbare Weise theoretische Präzision, analytische Kraft, kritische Selbstreflexion, Sprachmacht und republikanische Einmischung.
Ausgangspunkt seines Nachdenkens über eine der Demokratie verpflichteten Gesellschaftstheorie, wie Jürgen Habermas sie in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ ausgearbeitet hat, war der Zivilisationsbruch der Shoah. Aus der Überzeugung des „Nie wieder!“ entwickelte er eine Diskursethik als philosophisches Fundament der Demokratie, die auf gegenseitige Verständigung und Respekt zielt.
Jürgen Habermas hat sich bereits in der frühen Bundesrepublik dafür eingesetzt, den Traditionen der Aufklärung erneut eine Heimat zu geben, Freiheit und Gleichheit, individuelle Menschenwürde in einem gerechten Gemeinwesen in Deutschland – in Wissenschaft und Gesellschaft – zu verwurzeln. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die intellektuelle Öffnung unseres Landes für die politische Kultur des Westens nach dem Zweiten Weltkrieg gelang und damit der Weg zu einer gefestigten Demokratie geglückt ist. Leidenschaftlich hat er sich für die Überwindung von Nationalismus, für die europäische Einigung als Lehre aus Krieg, Völkermord und totalitärer Herrschaft eingesetzt. Zuletzt mahnte er Europa angesichts der bedrückenden weltpolitischen Lage eindringlich, als weltpolitischer Akteur so handlungsfähig zu werden, dass es den Anspruch stellen könne, ernst genommen zu werden.
Bei allen wesentlichen gesellschaftlichen Fragen, die die Basis unseres Zusammenlebens in einer demokratischen Gesellschaft und in einem europäischen Verbund von Demokratien berühren, hat Jürgen Habermas sich bis zuletzt leidenschaftlich zu Wort gemeldet. Immer stritt er für die Weiterentwicklung einer den freiheitlichen und humanistischen Idealen verpflichteten demokratischen Gesellschaft.
Sein Lebenswerk zu bewahren und seinen Ansprüchen an eine kritische Gesellschaftstheorie und Zeitdiagnose gerecht zu werden, nicht zuletzt die immer neue Orientierung auf das Ziel des Friedens ist eine bleibende Aufgabe für Wissenschaft, Publizistik und Politik.
Wir werden seine Stimme vermissen. Unser Land verdankt ihm unendlich viel.“
Bundeskanzler Merz zum Tod von Jürgen Habermas.
„Deutschland und Europa haben einen der bedeutendsten Denker unserer Zeit verloren. Jürgen Habermas hat mit Weitblick und historischer Größe politische und gesellschaftliche Entwicklungen begleitet. Seine analytische Schärfe prägte weit über die Grenzen unseres Landes hinaus den demokratischen Diskurs und wirkte wie ein Leuchtfeuer in tosender See. Seine soziologische und philosophische Arbeit prägte Generationen von Forschern und Denkern. Für unser Gemeinwesen war Habermas‘ intellektuelle Eindringlichkeit und seine Liberalität unersetzlich – sein Wort war Maßstab und Herausforderung in einem. Seine Stimme wird fehlen.“
NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst zum Tod von Jürgen Habermas.
Die Staatskanzlei NRW teilt zum Tod von Jürgen Habermas teilt mit:
Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas ist im Alter von 96 Jahren verstorben. Für sein herausragendes Lebenswerk als Vordenker und Impulsgeber in gesellschaftliche Debatten wurde er im Jahr 2006 mit dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.
Ministerpräsident Hendrik Wüst: „In einer modernen Gesellschaft müssen wir Freiheit immer wieder neu erringen – durch Vernunft, die Macht des besseren Arguments und kommunikatives Handeln. Dafür stand der Freiheitsphilosoph Jürgen Habermas. Seine kluge wie streitbare Stimme wird gerade in Zeiten disruptiven Fortschritts (und des Kriegs in Europa) fehlen. Mit Jürgen Habermas verliert die Welt einen der bedeutendsten Denker ihrer Zeit.
Jürgen Habermas hat eindrucksvoll bewiesen, dass es keine Alternative zur Kraft der Vernunft gibt, um unsere Werte zu verteidigen. Bis ins hohe Alter hat Habermas publiziert und den öffentlichen Diskurs – auch mit seinen Kritikern – gesucht. Nicht nur für seine wissenschaftlichen Leistungen, sondern auch für seinen herausragenden Beitrag zur freiheitlichen Ordnung, wurde er 2006 mit dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.
Wohl kaum ein Philosoph hat die Herausforderungen zweier Jahrhunderte so trefflich und zugleich erhellend analysiert wie Jürgen Habermas. Durch ihn wissen wir, dass das Projekt der Aufklärung noch lange nicht abgeschlossen ist. Weiter um diese Werte zu ringen, ist auch über seinen Tod hinaus unsere Pflicht. Heute aber trauern wir um einen großen Denker und sind in Gedanken bei seiner Familie.“
Jürgen Habermas wurde am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren. Er wuchs in Gummersbach auf und studierte an den Universitäten Göttingen, Zürich und Bonn Philosophie sowie Geschichte, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie. 1954 promovierte er in Bonn. Sieben Jahre später trat er seine erste Dozentenstelle an der Universität Heidelberg an. Es folgten zahlreiche weitere Professuren und Gastprofessuren, unter anderem an der Universität Frankfurt und an der New School for Social Research in New York. Die Bücher von Prof. Jürgen Habermas wurden in über 40 Sprachen übersetzt, er gilt als einer der bedeutendsten und meistrezipierten Philosophen.
„Wir trauern um einen der größten Denker unserer Zeit“.
Ministerpräsident Rhein und Wissenschaftsminister Gremmels zum Tod von Jürgen Habermas.
Wiesbaden. Die Hessische Landesregierung hat mit großer Trauer auf den Tod des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas reagiert und dessen herausragende Bedeutung für Wissenschaft und Gesellschaft gewürdigt. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein sagte: „Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen der größten Denker unserer Zeit. Habermas hat uns gezeigt, dass Demokratie vom Gespräch lebt – von der Bereitschaft zuzuhören, Argumente auszutauschen und gemeinsam nach Wahrheit zu suchen“, sagte Rhein am Samstag in Wiesbaden. „Sein Denken erinnert uns daran, dass Freiheit und Verantwortung untrennbar miteinander verbunden sind.“
Der Regierungschef hob die enge Verbindung des Philosophen zum Land Hessen hervor. Ein wesentlicher Teil von Habermas’ wissenschaftlichem Wirken war mit der Goethe-Universität Frankfurt verbunden. Dort arbeitete er zunächst am Institut für Sozialforschung und übernahm später den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie. „Frankfurt und Hessen waren zentrale Orte seines Denkens und Wirkens. Hier entwickelte Jürgen Habermas viele seiner Ideen, die den gesellschaftlichen Diskurs in Deutschland und weit darüber hinaus nachhaltig geprägt haben“, sagte Rhein. „Meine Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei seiner Familie und allen, die ihm nahestanden.“
Wissenschaftsminister Timon Gremmels sagte: „Mit Jürgen Habermas verliert Deutschland einen der bedeutendsten Philosophen und Sozialtheoretiker unserer Zeit. Sein Denken hat die Kritische Theorie der Frankfurter Schule entscheidend geprägt und weltweit Maßstäbe für die Auseinandersetzung mit Demokratie, Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Vernunft gesetzt. Eng verbunden war Habermas auch mit der Goethe-Universität Frankfurt, an der die Tradition der kritischen Gesellschaftsanalyse fortgeschrieben wurde und von der wichtige Impulse für die Geisteswissenschaften ausgingen. Jürgen Habermas hat Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern inspiriert und gezeigt, wie unverzichtbar die Geisteswissenschaften für das Verständnis unserer Gesellschaft und für eine lebendige demokratische Kultur sind. Sein Vermächtnis ist aktueller denn je.“
Fotoquelle: By Európa Pont – Habermas2, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75092941
