„Wir werden die Narben nie vollends verheilen lassen können“.

In der Landesvertretung Baden-Württemberg des Bundes in Berlin erhielt heute Jan Ilhan Kizilhan das Bundesverdienstkreuz am Bande von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock.

Die Rede von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock anlässlich der Übergabe des Verdienstkreuzes am Bande an Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan dokumentiert die TP Presseagentur Berlin im vollen Wortlaut.

21.03.2025.

Eine Frau fährt in einem Bus. Staubige Straßen. Es ist heiß. Sie stillt ihr Baby. Kaum sichtbar für die Mitreisenden. Doch das Gebiet, durch das sie fährt, wird vom IS kontrolliert. Sie ziehen die Frau plötzlich aus dem Bus und schreien sie an: Wie kannst du dich so schändlich verhalten?

Zur Strafe schlagen sie der Mutter die Hand ab.

Es sind furchtbare Geschichten wie diese, lieber Jan Ilhan Kizilhan, die du zu Hunderten, zu Tausenden von deinen Patientinnen und Patienten erfahren hast.

Geschichten des Terrors, der Vergewaltigung, der Verschleppung, der Folter, die man kaum ertragen kann, wenn sie man hört. Geschichten, Erlebnisse, die Du erträgst, die Du aber vor allen Dingen weiterträgst. Du hilfst den Opfern nicht nur, das Grauen und den Schmerz zu ertragen. Du hilfst ihnen, sich selbst in eine bessere Zukunft tragen zu können. Sich vom Gift der Täter nicht lähmen zu lassen. Von Opfern zu Überlebenden zu werden.

Einige von ihnen sind heute hier. Ihnen auch ein ganz besonderes Willkommen. Danke, dass Sie an diesem besonderen Tag mit dabei sind.

Die Frau aus dem Bus konnte vor den IS-Schergen fliehen. Lieber Jan, Du hast berichtet, dass sie mit ihrem Kind in einem Flüchtlingscamp unterkommen konnte. Verstümmelt, aus einem einzigen Grund: Weil sie wie jede Mutter ihr Kind versorgen wollte.

In dem Camp erhielt die Frau Schutz – und was sie dort auch erhielt, das war therapeutische Hilfe durch Masterstudierende, die am Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie der Universität Dohuk ausgebildet wurden. An einem Institut, das Du gegründet hast, um den Frauen zu helfen, den Schmerz zu ertragen, sich zu tragen, ihre Kinder weiter zu tragen.

Vorangegangen war dem das Landesaufnahmeprogramm, beziehungsweise, noch einen Schritt vorher eine Aktion, die heutzutage kaum vorstellbar ist: Dass ein Bundesland, Baden-Württemberg, sich auf den Weg macht, um Menschen vor einem Völkermord zu bewahren. Auch mit deiner langjährigen Expertise in Baden-Württemberg habt ihr ein Team zusammengestellt und habt gesagt: Wir helfen.

Theresa Schopper ist auch hier heute und hat damals daran mitgewirkt.

Das alles hat auch auf deiner Expertise aufgebaut, lieber Jan. Du warst derjenige, der nicht nur vor Ort diese furchtbaren Dinge mit ansehen musste, sondern dann auch durch Deine interkulturelle Kompetenz in den ersten Stunden, Tagen, Monaten die Hilfe aufgebaut hat, die es brauchte – und damit Frauen und Kinder gerettet hat.

Mit Deinem Engagement, lieber Jan, hilfst Du nicht nur jeder einzelnen dieser mutigen Frauen, Kinder und auch Männer, denen unsägliches Unrecht geschehen ist. Mit Deiner Arbeit hilfst Du allen Opfern des brutalen Regimes, vor allen Dingen den Überlebenden des Völkermords an den Jesidinnen und Jesiden. Auch als Leiter des Instituts für Transkulturelle Gesundheitsforschung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

All das ist gebaut auf deiner Arbeit in Baden-Württemberg. Und in diesem Sinne auch herzlich willkommen an die Vertreter der Hochschule hier vor Ort. Mit Deiner wissenschaftlichen Expertise, Deiner Vernetzung, Deinen Büchern und vor allen Dingen Deiner großen Empathie und Menschlichkeit trägst Du Deine Arbeit nicht nur in den Irak, sondern in die Welt.

Damit trägst du auch das Schicksal der jesidischen Frauen und Kinder in die Mitte unserer Gesellschaft. Durch das Landesaufnahmeprogramm Baden-Württemberg, durch eure Arbeit an der Uni in Baden-Württemberg und ebenso in Dohuk, zeigt Ihr was Miteinander, was Menschlichkeit ausmacht.

Und ihr zeigt, dass auf der Asche des Völkermords, wie Düzen Tekkal es sagen würde, nicht nur Kraft wachsen kann, sondern eine unglaubliche Bereicherung entsteht. Gerade auch für die Gesellschaften, in denen viele jesidische Frauen ein neues Zuhause gefunden haben, die jetzt hier arbeiten. Entweder bei euch selber, im Institut, an der Uni, oder in Krankenhäusern, als Pflegerinnen und Pfleger. Zugleich wird dieses furchtbare Verbrechen, aber auch die Kraft des Überlebens damit nicht nur im Irak und in der Region dokumentiert – sondern auch bei uns hier in Deutschland.

Von dieser Expertise lernen wir als Gesellschaft – und auch die internationale Gemeinschaft profitiert von Deiner Arbeit.

Dein Wirken, eigentlich im psychologischen, im traumatologischen Bereich hat auch eine neue Öffentlichkeit geschaffen, für diese Verbrechen und für die Stärke der Frauen, dafür, nicht von Opfern, sondern von Überlebenden zu sprechen. Das ist eine jüngere Entwicklung auch aus diesem Geiste und der Kraft der Jesidinnen und Jesiden. So wie es die Jesidin Shirin in ihrem Buch beschreibt mit dem Titel: „Ich bleibe eine Tochter des Lichts.“ Ein Buch, das Du gemeinsam mit ihr geschrieben hast und damit ihre Stimme verstärkt hast.

Denn das Ziel der Terroristen ist, das Licht, die Stimmen der Frauen, der Jesidinnen und Jesiden auszulöschen. Du aber hast geholfen, mit Deiner Arbeit genau das Gegenteil zu tun – weil das Licht der mutigen Jesidinnen so viel stärker ist als der Terror – damit es weiter leuchtet, noch stärker leuchtet in der Welt.

Dies ist kein Buch, das man liest wie jedes andere. Ich hatte es dabei, als ich zum ersten Mal selbst in den Nordirak gereist bin. Das war vor sechs Jahren, als Abgeordnete des Deutschen Bundestages. Und genau auf dieser Reise haben wir beide uns kennengelernt. Wir waren zusammen in einem großen Flüchtlingscamp. Ich erinnere mich heute nicht nur deshalb gut daran, weil die Begegnung mich damals so bewegt hat, sondern weil ich dieses gemeinsame Reisen, diese Begegnung, die wir dort hatten, mitgenommen habe ihn meine heutige Arbeit.

Wir waren zusammen in einem der unzähligen Flüchtlingszelte und haben eine Mutter getroffen, die gerade erst wieder ihren verschleppten Sohn in den Arm hätte nehmen können.

Aber sie konnte ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht in den Arm nehmen.

Er war ungefähr zehn Jahre alt, als wir ihn getroffen haben, verschleppt einige Jahre zuvor. Er konnte seine Muttersprache nicht mehr sprechen, verhielt sich eher wie ein Kleinkind, auch im Verhalten zu seiner eigenen Mutter.

Das war ein hartes Gespräch, weil deutlich wurde, wie sehr dieser kleine Junge vom IS indoktriniert worden war, wie ihm eingetrichtert worden war, gegen die eigene Familie, die eigene jesidische Gemeinschaft zu hetzen.

Du hast dort einfach erstmal nur gesessen – und das auszuhalten, einfach nur da zu sein, nicht dieses Bedürfnis zu haben, gleich etwas zu sagen. Das habe ich nie vergessen.

Du hast mit deiner therapeutischen Professionalität ein Gespräch ermöglicht. Obwohl der Junge eigentlich gar nicht mehr in seiner Muttersprache sprechen konnte. Durch Menschlichkeit, durch Blicke, durch Gesten. Das hat dieser Mutter und dem Jungen Kraft gegeben.

Weil du meintest: „Es ist ein langer Prozess, Aber werden nachher Kinder und jugendliche Frauen treffen, mit denen wir schon länger arbeiten.“

Ich musste sehr oft an diese Situation denken. Mich hat dieses Bild immer wieder begleitet, als ich auf meinem Reisen war, an andere Orte des Schreckens auf dieser Welt, in Mali – oder in Nigeria, wo ich eine Frau getroffen habe, die sich acht Wochen zuvor, nach über acht Jahren Gefangenschaft, selbst befreit hatte –aus den Händen von Boko Haram, mit ihren kleinen Kindern, die offensichtlich in dieser Gefangenschaft geboren wurden.

In diesem Moment einfach da zu sein, ohne ein Wort zu sagen, dafür warst du für mich all die Jahre immer ein Beispiel.

Ein Beispiel dafür, wie man deutlich macht: Es lohnt jeder einzelne Mensch, jede einzelne Person. Nicht nur für die betroffenen Opfer, sondern auch für ihre Kinder.

Um zu verhindern, dass eine neue, eine nächste Generation dem Terror unterworfen wird.

Das hast du immer wieder gesagt. Auf dieser Reise und später an der Uni. Und auch diesen Satz habe ich nie vergessen: Wir werden die Narben nie vollends verheilen lassen können. Aber was wir tun können, ist zu helfen, dass sich diese Narben und damit die Traumata des Völkermordes nicht über Generationen vererben.

In dem Sinne wird dein Wirken für einzelne Personen so viel größer, wichtig für ganze Generationen und auch Gesellschaften.

Das Landesaufnahmeprogramm Baden-Württemberg hat dazu beigetragen, dass 1100 jesidische Frauen und Minderjährige aus Nordirak in Deutschland aufgenommen wurden, darunter auch die spätere jesidische Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad. Du hast die medizinisch psychologische Leitung des Programms übernommen, bist immer wieder in den Irak gereist, um die Opfer therapeutisch zu befragen, zu betreuen und sie dann zu uns zu bringen, aber auch ganz schwierige Entscheidungen zu treffen.

Auch das möchte ich deutlich betonen: das Landesaufnahmeprogramm hatte 1100 Plätze. Wir haben versucht, weitere Aufnahmeprogramme aufzubauen. Manche Bundesländer haben das getan. Aber es waren eben nicht nur 1000, nicht nur 2000, nicht nur 3000, es waren über 10.000 Betroffene. Manche sind nach wie vor verschleppt. Und in solchen Momenten die Entscheidung zu treffen: wer wird aufgenommen und wer wird nicht aufgenommen? Das sind die allerschwierigsten Entscheidungen. Und gerade dafür der besondere Dank und die besondere Ehrung, weil es Kraft braucht, auch solche Entscheidungen treffen zu können. Weil man weiß, man kann nur einige damit retten – nicht alle. Durch deine Unterstützung haben in den Folgejahren viele weitere jesidische Überlebende des IS-Terrors Schutz in anderen humanitären Aufnahmeprogrammen gefunden. Auch in anderen Ländern, Frankreich zum Beispiel. Präsident Macron hat sich mit an diesem Programm orientiert.

Dir aber geht es nicht nur um den einen Moment, Menschen zu retten. Dir geht es um nachhaltige, dauerhafte Arbeit. Darum, die Menschen im Irak selbst in der Traumaarbeit zu stärken, Gesellschaften wieder zu stärken. Das Institut, das du 2017 in Dohuk gegründet hast, hat in den vergangenen Jahren 92 Psychologen und Traumatologinnen ausgebildet. Die ersten lizenzierten Psychotherapeuten im gesamten Irak.

Auch das zeigt: aus der vermeintlichen „soften“ humanitären Arbeit erwächst immer auch eine Stärke, wenn man sie klug nutzt, für eine gesamte Gesellschaft. Die Experten, die den Opfern helfen, ihren Schmerz zu ertragen und sich in eine bessere Zukunft zu tragen, so wie die stillende Frau aus dem Bus, sie sind damit auch beispielhaft dafür, was eine Gesellschaft insgesamt schaffen kann.

Was Dir, lieber Jan, bei Deiner Arbeit vor Ort besonders wichtig ist: am Institut sind immer etwa 50 % Männer und 50% Frauen beschäftigt. In den letzten Studiengängen überwiegt der weibliche Anteil. Gleichzeitig wird darauf geachtet, dass alle religiösen Minderheiten berücksichtigt werden, wie etwa Christen und Jesiden. Ich bin froh, dass wir dieses Projekt als Auswärtiges Amt, als Bundesrepublik Deutschland über den DAAD seit Jahren fördern konnten.

Und Mona Kizilhan und ich haben vorhin darüber gesprochen: viele der Studierenden, die dann hin- und herpendeln, bereichern eben nicht nur das Gesundheitssystem im Irak, sondern dann auch in Deutschland oder in anderen europäischen Ländern. Dieses Projekt ist ein wirkliches Hoffnungsprojekt. Ich wünsche mir und appelliere daher an alle, die bei uns im Lande in Zukunft politische Verantwortung tragen, dass wir uns dieser wichtigen Arbeit weiter mit Entschlossenheit stellen. Nicht als Hilfe für andere, sondern als Stärkung von uns allen.

Ich muss oft an etwas denken, was du, lieber Jan Kizilhan, gesagt hast und was deine Arbeit auszeichnet.: „Wir können die Menschen therapieren, aber was sie verdienen und brauchen, das ist Gerechtigkeit. Weil ohne Gerechtigkeit der Schmerz nicht enden kann.“

Dafür hast du dich mit so vielen anderen hier im Saal wie auch deiner Frau Mona stark gemacht. Dafür, dass wir die Verbrechen benennen als das, was sie sind, ein Völkermord. Deswegen war es überfällig, dass wir uns auch im Deutschen Bundestag dazu endlich bekannt haben. Wenn wir den Opfern Gerechtigkeit verschaffen wollen, dann muss es auch darum gehen, die Täter zur Verantwortung zu bringen, die Verbrechen strafrechtlich aufzuarbeiten. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main hat 2021 einen vormaligen IS -Kämpfer wegen Völkermords an den Jesiden verurteilt. Das war in dieser Form ein weltweit erstmaliges Urteil, wahrscheinlich auch möglich durch deine Arbeit zuvor. Es war ein Meilenstein im Kampf gegen Straflosigkeit, weil so die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Weil das Verbrechen an den Jesiden als das benannt worden ist, was es war, ein Völkermord. Und weil auch explizit die sexualisierte Gewalt und die Versklavung von Frauen angeklagt wurde, und nicht unter „Terrorismus“ subsumiert. Auch das schafft Gerechtigkeit für die Opfer. Denn Ziel dieser sexuellen Gewalt ist es, das zeigen nicht nur die Verbrechen an den Jesidinnen, sondern das sehen wir in anderen Konflikten, durch diese Gewalt ganz bewusst Frauen zu brechen. Und wenn man Frauen bricht, dann bricht man Familien, dann bricht man Dörfer, dann bricht man Gesellschaften.

Und daher ist das Gegenteil eben so wichtig: wenn diese Opfer, diese Frauen gestärkt werden, dann stärkt man Gesellschaften und verhindert ihr Zerbrechen. Viele der Überlebenden, lieber Jan, die Du und Deine Kolleginnen und Kollegen therapiert haben, sind heute als Zeuginnen an Verfahren des Generalbundesanwalts gegen IS-Angehörige beteiligt. Es ist daher auch Dir und diesen mutigen Frauen zu verdanken, dass diese Verbrechen nicht nur angeklagt, sondern dann auf Grundlage der Beweise auch verurteilt werden könnte. Auch da arbeiten wir als Auswärtiges Amt mit den unterschiedlichen Experten Hand in Hand. Beweise zu sichern, um dann irgendwann zur Anklage zu bringen.

Und daraus wurde und wird weiter viel gelernt. Nicht nur in anderen Konflikten wie jetzt in Syrien, sondern diese Arbeit ist auch wichtig in Bezug auf die Verbrechen von russischen Soldaten in Form von Folter, sexualisierter Gewalt und Vergewaltigung, die zur Anklage gebracht werden müssen.

Wir können immer gemeinsam und miteinander lernen. Wir wissen, dass die Aufarbeitung wichtig ist, weil sie den Opfern eine Stimme gibt, weil sie für Gerechtigkeit sorgt und weil sie damit der Grundpfeiler für dauerhaften Frieden sein können.

Sie haben vielleicht mitbekommen: heute Nacht bin ich aus Syrien zurückgekehrt. Und auch dort sehen wir genau das – wie wichtig jetzt die Aufarbeitung dieser Verbrechen ist. Dass die Assad-Verbrechen aufgearbeitet und angeklagt, die Täter verurteilt und zur Rechenschaft gezogen werden, damit das Gefühl der Straflosigkeit nicht umschlägt in neue Gewalt. Weil wir überall erleben, dass genau dieses Gefühl von anderen bewusst ausgenutzt und instrumentalisiert wird. „Es geht um das Gefühl von Gerechtigkeit.“ So hast Du es gesagt, lieber Jan.

„Wenn unsere Patientinnen und Patienten ein Stück Gerechtigkeit erfahren, hilft ihnen das dabei, mit ihrem Trauma umzugehen und eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln.“

Auch in der Politik sind viele Dinge Zufall -auch wenn dann oft das Gegenteil behauptet wird, wenn etwas erfolgreich ist. Aber deswegen freut es mich so sehr dass heute Deine Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz n zusammenfällt mit meiner Rückkehr aus Syrien, weil ich dort gestern mit bekannt geben konnte, dass wir als Bundesregierung nicht nur weitere 25 Millionen Euro zur Beweissicherung für die Weißhelme zur Verfügung stellen.

Als ich im Januar das erste Mal hingereist bin, war mein erster Gedanke: Deine Arbeit muss in Syrien jetzt weitergehen. Da haben wir in den Wochen dazwischen intensiv dran gearbeitet. Und es freut mich, sagen zu können, dass du deine Expertise schon genau genutzt hast für Syrien, dass es jetzt ein Handlungsleitfaden für traumatisierte Menschen entwickelt werden soll, um auch in Syrien die Fortbildung für Traumatherapeutinnen aufzusetzen. Mit dem Ansatz, den du im Irak schon damals so verfolgt hast: „Train the Trainers“. Mit der Möglichkeit, dass die Menschen in Syrien davon jetzt profitieren können, dass im Nordirak Therapeutinnen und Therapeuten ausgebildet worden sind und einige von ihnen dann auch in Syrien als Trauma- und Psychotherapeutinnen wirken können.

Lieber Jan, Du hast eindrücklich beschrieben, was für eine enorme innere Kraft die Frauen und Kinder haben, die Du therapierst, trotz der furchtbaren Dinge, die sie selbst erlebt haben.

An dieser Stelle, weil ich deine Familie hier auch kennenlernen durfte, Deine zwei Töchter und Deine zwei Söhne, auch ein persönliches Wort. Diese Kraft braucht es nicht nur von denjenigen, die die furchtbaren Verbrechen erlebt haben, und von Experten wie Dir und vielen anderen hier im Raum, sondern auch immer bei den Familien dahinter. Ich kann mir vorstellen – Ihr wart damals ja zehn Jahre jünger als heute, also Teenager – was es für euch bedeutet hat, dass euer Vater dorthin gefahren ist, wo ein Völkermord geschah. In Deutschland wurde in den Medien kaum darüber berichtet. Aber sicherlich war es bei Euch in der Familie ein Thema, was das mit den eigenen Kindern macht. Weg zu sein, auf unbekannte Zeit in einer Region, wo man nicht weiß, wie es weitergeht. Dafür braucht es eine starke Familie. Und daher möchte ich an dieser Stelle auch Danke sagen an Deine Familie, an Euch als Kinder. Weil ohne diesen Rückhalt wäre sicher auch das nicht möglich gewesen.

„Ich kämpfe weiter. Ich will überleben.“ Das ist die Quintessenz des Buches von Shirin „Ich bleibe eine Tochter des Lichts.“ Von dieser Stärke können wir alle als Gesellschaft gerade in diesen Zeiten viel lernen. Heute nennen wir das Resilienz. Das braucht jede Gesellschaft, auch jede Demokratie. Gerade jetzt in diesen Wochen, wenn man mit Blick auf die furchtbaren Nachrichten aus aller Welt die Verseuchung des Miteinanders live immer wieder erlebt, auf den Handys, in Social Media Feeds, wo man nicht weiß, was Wahrheit und was Lüge ist. Wo gezielt mit Empathie, eigentlich der Stärke von Gesellschaften, gespielt wird, indem man Dinge inszeniert, die vielleicht gar nicht stattgefunden haben, um noch mehr Gewalt vom Zaun zu brechen.

Auch deswegen ist es so wichtig, dass die Arbeit vor Ort stattfindet, dass gesehen wird, was wirklich passiert. Und die Zeuginnen und Überlebenden weltweit davon berichten können. Genau das hast Du getan, all die Jahre, und tust es weiter. Und deswegen ist das hier eine „Zwischenauszeichnung“.

Aber Kraft tanken heißt immer wieder, sich auch bewusst zu machen, was man geschafft hat, wenn man Dinge selbst in die Hand nimmt. Wenn man nicht genau weiß, wie es ausgeht. Mit einem solchen Landesaufnahmeprogramm, bei dem zwar nachher alle applaudieren, dass man Menschen das Leben gerettet hat. Aber bei dem vorher keiner wusste, ob es gelingt, und von dem viele abgeraten haben.

Du hast genau das getan, mit Deiner Expertise und Deinen wissenschaftlichen Kenntnissen, mit Deiner Empathie, mit Deiner Menschlichkeit und ja, mit Deinem Mut, um einzustehen für andere, um Dinge zum Besseren zu wenden. Dafür wirst Du heute ausgezeichnet. Für diesen Mut, diese Entschlossenheit und die tiefe Menschlichkeit.

Es ist mir eine große Ehre, Dir, lieber Jan Ilhan Kizilhan, heute im Namen des Bundespräsidenten das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland zu übergeben.

Ich gratuliere von Herzen für diese besondere Auszeichnung.

„Das ist der Mensch. Das sind wir“.

Dankesrede von Herrn Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am 18.03.2025 in Berlin.

Sehr geehrte Frau Außenministerin Baerbock, liebe Annalena,
sehr geehrte Frau Ministerin Claudia Roth,
sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin Aras,
sehr geehrte Frau Ministerin Schopper,
sehr geehrter Herr Botschafter Andrew Mitchell,
sehr geehrter Herr Alan Melzer, Geschäftsträger der US-Botschaft,
sehr geehrter Herr Falah Al-Qaissi, Geschäftsträger der irakischen Botschaft,
sehr geehrte Abgeordnete des Bundestages und der Landtage,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine geschätzten Freundinnen und Freunde,
meine Familie,

heute ist ein Tag voller Emotionen – ein Tag der Dankbarkeit, der Demut und auch der Nachdenklichkeit.

Ich stehe hier, um eine hohe Auszeichnung entgegenzunehmen. An dieser Stelle möchte ich vor allem all jenen danken, die mich auf meinem Weg begleitet haben: meiner Familie, insbesondere meiner Frau Mona und meinen Kindern, Heval, Robin, Mira und Lori,

meiner Hochschule – der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Frau Präsidentin Prof. Dr. Klärle –, meinen Kolleginnen und Kollegen im In- und Ausland, heute vertreten durch Prof. Dr. Hautzinger von der Universität Tübingen, den unermüdlichen Teams des Sonderkontingents, heute repräsentiert durch meinen Freund Dr. Michael Blume und Lisa Stengel, Mirza Dinnayi ebenso dem SEZ, vertreten durch Philipp Keil und Laurids Novak, sowie dem Land Baden-Württemberg.

Doch vor allem danke ich den Menschen, deren Geschichten mich geprägt haben. Menschen, die Unvorstellbares erlitten haben – und trotzdem nie aufgehört haben, an das Leben zu glauben.

Ich danke euch für euren Mut, für euren unermüdlichen Kampf in den dunkelsten Tagen und für eure Hoffnung trotz allem. Ihr habt mich verändert und – so hoffe ich – zu einem besseren Menschen gemacht. Ihr habt uns gezeigt, dass das Leben weitergeht.

Das ist der Mensch. Das sind wir.

Ich bin Wissenschaftler, Therapeut und Psychologe. Meine Forschung befasst sich mit den tiefen Narben, die Krieg, Flucht und Gewalt in den Seelen der Menschen hinterlassen – mit Wunden, die oft über Generationen hinweg weitergegeben werden: unsichtbar, aber hochwirksam. Denn ein Trauma endet nicht mit dem letzten Schuss eines Krieges.

Es lebt weiter: in den Erinnerungen, in den Körpern, in den Familien, in der Gesellschaft. Es verändert uns – und kann uns zerstören.

Das ist der Mensch. Das sind wir.

Aber ein Trauma kann uns auch lehren, dass dies nicht das Ende ist. Es kann der Beginn eines Kampfes um einen neuen Anfang sein.

Das ist der Mensch. Das sind wir.

Meine Großeltern und Urgroßeltern waren Flüchtlinge. Sie verloren alles: ihre Heimat, ihre Familien, das Leben, das sie kannten. Ihre Ängste und Traumata wurden Teil meiner Kindheit. Ich habe früh gelernt, dass Angst nicht nur in der Vergangenheit lebt, sondern sich in Blicken, Gesten und Worten fortsetzt.

Auch heute erleben wir Ähnliches in vielen Ländern der Welt.

Wir wissen, dass traumatische Erfahrungen nicht nur psychologische, sondern auch neurologische und sogar genetische Spuren hinterlassen können. Die Wunden der Eltern werden zu den Ängsten ihrer Kinder. Die Unsicherheit der Großeltern zeigt sich als Misstrauen gegenüber der Welt.

Doch das heißt nicht, dass wir Gefangene unserer Vergangenheit sind.

Meine Forschung zeigt, dass wir heilen können. Es gibt Wege, Menschen nach schwersten Traumata zurück ins Leben zu führen – Wege, die nicht allein auf Medikamente setzen, sondern auch auf psychologische, kulturelle und soziale Unterstützung. Denn Heilung findet nicht nur in der Therapie statt, sondern in Beziehungen, in Gemeinschaft und in der Gesellschaft.

Allerdings sehen wir zugleich viele Menschen, die keine echte Chance auf Heilung erhalten, weil sie weiterhin in Unsicherheit, Angst und Hoffnungslosigkeit gefangen sind. Seit mittlerweile zehn Jahren leben beinahe 300.000 Jesidinnen und Jesiden in Flüchtlingslagern im Irak – ohne wirkliche Zukunftsperspektive. Die Suizidrate steigt, körperliche wie seelische Erkrankungen nehmen zu und eine Rückkehr ist kaum möglich, da das Siedlungsgebiet nach wie vor unsicher und zerstört ist. Die Folgen des Genozids sind nicht vorüber; sie werden über Generationen hinweg tiefe Spuren hinterlassen.

Umso unverständlicher ist es, dass Jesidinnen und Jesiden in den Irak abgeschoben werden, obwohl sie dort nicht in Sicherheit sind.

Die Anerkennung des Genozids an den Jesiden durch das deutsche Parlament war ein wichtiger Schritt. Aber es darf nicht bei dieser symbolischen Geste bleiben.

Im Jahr 2023 hat der Deutsche Bundestag den Genozid offiziell anerkannt. Das war nicht nur die Anerkennung des erlittenen Leids, sondern auch die Anerkennung der Existenz eines Volkes, das seit mehr als 1400 Jahren verfolgt wird und unzählige Massaker und Genozide überstanden hat. Bis 2014 war die jesidische Gemeinschaft kaum jemandem auf der Welt bekannt. Erstmals in ihrer Geschichte hörte die Welt von den Jesiden – und inzwischen haben über 13 Länder den Genozid nicht nur anerkannt, sondern damit auch die Existenz dieses Volkes. Das ist ein Teil der Gerechtigkeit, nach der sie sich sehnen: Der Wunsch, dass die Welt weiß, dass es sie gibt!

Für die Anerkennung des Genozids danke ich von Herzen, insbesondere Ihnen, Frau Außenministerin Baerbock, sowie den Mitgliedern des Menschenrechtsausschusses – heute vertreten durch die Abgeordneten Frank Schwabe und Max Lucks –, dem Deutschen Bundestag und der Stelle für Jesidische Angelegenheiten.

Mein Dank gilt an dieser Stelle auch Frau Düzen Tekkal, der bekanntesten jesidischen Stimme in Deutschland, die unermüdlich auf die Lage ihres Volkes aufmerksam macht und Hilfe leistet.

Anerkennung bedeutet jedoch, dass unsere Verantwortung jetzt erst richtig beginnt. Wir müssen uns fragen: Was tun wir konkret?

Wenn wir über Frieden sprechen, denken wir oft an politische Kategorien – Interessen, Strategien, Macht. Doch Frieden beginnt nicht in den Verhandlungen zwischen Staaten, sondern im Einzelnen. Frieden beginnt dort, wo wir aufhören, Menschen nur als Zahlen in Migrationsstatistiken zu betrachten, wo wir uns nicht nur um nationale Interessen sorgen, sondern um menschliche Würde. Frieden beginnt dort, wo wir begreifen, dass eine Gesellschaft nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied.

Ich habe mit Menschen gesprochen, die während der IS-Geiselhaft gefoltert wurden. Ich habe mit Müttern gesprochen, die hilflos zusehen mussten, wie ihre kleinen Kinder gequält und ermordet wurden. Ich habe mit Kindern gesprochen, die Gewalt erleben oder selbst ausüben mussten.

Das ist der Mensch. Das sind wir.

Und was mich immer wieder berührt, ist nicht nur ihr Leid, sondern ihr Wille, weiterzuleben. Diese Menschen fragen nicht nach Macht oder Politik. Sie fragen nach einem Bett, nach Sicherheit, nach einer Zukunft.

Das ist der Mensch. Das sind wir.

Wir Menschen haben die Kraft zu zerstören, aber wir haben auch die Kraft, aufzubauen, zu helfen und zu heilen. Deswegen ist diese Auszeichnung für mich nicht nur eine Ehre, sondern auch eine Mahnung an unsere gemeinsame Verantwortung. Eine Mahnung, nicht zu schweigen, wenn Menschen leiden. Eine Mahnung, nicht wegzusehen, wenn Menschen verfolgt werden. Und eine Mahnung, dass wir als Gesellschaft stärker sind, wenn wir gemeinsam handeln.

Ich habe in Kriegsgebieten gearbeitet. Ich habe Frauen nach ihrer Geiselhaft behandelt. Ich habe Frauen und Männer aus Afghanistan, dem Iran, Irak, Türkei, Syrien, Nigeria und viele anderen Ländern der Welt behandelt und begutachtet. Ich habe in den Augen von Überlebenden den tiefsten Abgrund gesehen – und gleichzeitig den Willen, weiterzuleben.

Das ist der Mensch. Das sind wir.

Ich habe dabei gelernt: Ein Mensch ist nicht seine Vergangenheit, nicht sein Trauma und nicht das, was ihm angetan wurde. Ein Mensch ist immer mehr.

Heute erhalte ich das Bundesverdienstkreuz. Doch diese Ehrung gehört allen, die Tag für Tag für eine bessere Gesellschaft eintreten: denen, die Geflüchtete willkommen heißen, die sich für Gerechtigkeit engagieren und die den Mut haben, Brücken zu bauen.

Meine Eltern kamen nach Deutschland, damit ihre Kinder in Sicherheit aufwachsen. Heute sind meine eigenen Kinder Weltbürger, und ich hoffe, dass sie gute Brückenbauer sein werden. Sie sehen keine Widersprüche in ihrer Identität und sie protestieren, wenn sie Ungerechtigkeit erkennen.

Ich wünsche mir, dass wir alle uns diese Haltung bewahren – dass wir in Zuversicht statt in Angst leben, dass wir nicht hassen, sondern uns bemühen zu verstehen, und dass wir keine Mauern bauen, sondern Türen öffnen.

Es gibt ein kurdisches Sprichwort, das sagt:
„Ein Mensch ist reich durch das, was er gibt – nicht durch das, was er nimmt.“

In diesem Sinne: Lassen Sie uns gemeinsam reich sein – reich an Mitgefühl, reich an Menschlichkeit und reich an Hoffnung.

Das ist der Mensch. Das sind wir.

Ich danke Ihnen.

Fotoquellen: TP Presseagentur Berlin

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