Wem gehört Nordirland? Johannes Kandel hat eine umfassende Studie über die Geschichte des Konflikts auf der irischen Insel geschrieben.

Von Dietmar Jochum.

Als die Irisch-Republikanische Armee (IRA) am 28. Juli 2005 in einer DVD-Botschaft erklärte, ihr bewaffneter Kampf sei beendet, wurde dieser Schritt von der britischen und der US-Regierung begrüßt. Auch der Vorsitzende der Ulster Unionist Party (UUP) und Nachfolger des bisherigen Amtsinhabers und Friedensnobelpreisträgers David Trimble, Sir Richar Empey, verband mit der Erklärung der IRA eine Hoffnung auf konkrete Entwaffnungsschritte. In der im rechten Spektrum angesiedelten Demokratic Unionist Party (DUP) von Ian Paisley überwog zwar nüchterne Skepsis, Paisley selbst hielt sich jedoch in bemerkenswerter Weise zurück und sprach nicht, wie in der Vergangenheit, sofort von »Betrug« und »Zweifel«.

Dabei wären, wie der Politikwissenschaftler Johannes Kandel in seiner umfassenden Studie »Der Nordirland-Konflikt. Von seinen historischen Wurzeln bis zur Gegenwart« eindrucksvoll darlegt, zumindest Zweifel angebracht, ob in Nordirland (Ulster) Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele tatsächlich der Vergangenheit angehört. Die republikanischen Dissidentengruppen Real IRA (RIRA) und Continuity IRA (CIRA), die sich offensichtlich nicht damit abfinden können, daß das Ziel eines vereinten Irlands in weite Ferne gerückt ist, pfeifen auf die Erklärung der IRA. Sie bomben, so Kandel, unvermindert weiter. Die IRA scheine nicht in der Lage zu sein, den Zugriff der Dissidenten auf Waffenarsenale zu verhindern. Aber auch loyalistische Paramilitärs entfachen weiterhin gewalttätige, den Friedensprozeß gefährdende Auseinandersetzungen. Dennoch sieht Kandel auch positive Entwicklungen.

Lernprozesse

So gibt es das am 10. April 1998 zwischen der Republik Irland, der Regierung von Großbritannien und den Parteien in Nordirland beschlossene »Karfreitagsabkommen« (Good Friday Agreement – GFA), das bei getrennten Volksabstimmungen in der Republik Irland und in Nordirland bestätigt wurde. Die Annahme ist berechtigt, daß die überwältigende Mehrheit »trotz auseinanderlaufender nationaler Fernziele einen friedlichen Wettstreit« vorzieht. Zwar hat die Republik Irland auf ihre Forderung nach einer Wiedervereinigung mit Nordirland verzichtet und die entsprechenden Verfassungsartikel gestrichen, die Möglichkeit einer Wiedervereinigung wird durch das GFA jedoch nicht ausgeschlossen, sollte sich die Mehrheit der Nordiren dafür aussprechen. Das ist aufgrund der dortigen Mehrheit von Unionisten, die das Verbleiben bei Großbritannien einem vereinten Irland vorziehen, auf absehbare Zeit kaum denkbar. Aber immerhin sind die Unionisten jetzt bereit, ihren über 50 Jahre lang verteidigten politischen Alleinvertretungsanspruch auf die Regierung in Ulster aufzugeben. Für Kandel haben Unionisten und sogenannte Nationalisten in langen Lernprozessen Gräben überwunden, im GFA die Legitimität ihrer jeweiligen Traditionen und politischen Zielvorstellungen anerkannt und sich auf ausschließlich friedliche Mittel der politischen Auseinandersetzung verpflichtet.

Verfassungsstreit

Eine Alternative zum GFA, so Kandel, gibt es nicht. Dabei ist eine politische Lösung trotz erfolgversprechender Ansätze nicht in Sicht. Der Autor hebt vor allem hervor, daß der Nordirlandkonflikt kein Religionskrieg ist. Ihm liegt vielmehr ein Verfassungstreit zu Grunde: Gehört Nordirland zu Großbritannien oder zur Republik Irland? Ohne Englands sicherheits- und machtpolitische Interessen, so Kandel, hätte es die Auseinandersetzungen in Irland nicht gegeben. Englands Geschichte sei die Kulisse für das irische Drama, beginnend im 12. Jahrhundert mit der ersten Landnahme. Sie wurde mit der Eroberung und Unterwerfung Irlands im 16. Jahrhundert erneuert und fortgesetzt mit der Ansiedlung protestantischer Engländer und Schotten im 17. Jahrhundert. Die im 18. und 19. Jahrhundert gewachsene imperiale Macht Englands sah sich den erwachenden nationalen Bestrebungen der Iren gegenüber, denen schließlich eine begrenzte Autonomie (»Home Rule«) gewährt wurde. Nach der Teilung Irlands 1921 wurde England Garantiemacht eines protestantischen Nordirland. Die auf eine Vereinigung mit der Republik Irland setzende katholische Minderheit in Ulster sieht sich seither ständigen Diskriminierungen sowie wirtschaftlichen und sozialen Benachteiligungen ausgesetzt. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts ließ der damalige nordirische Premierminister Terence O’Neill keine Zweifel daran entstehen, daß sich die katholische Minderheit der protestantischen Lebensweise anzupassen habe. Das Anwachsen des katholischen Bevölkerungsteils war eine ständige Sorge der Unionisten. O’Neill sah in der Hebung des Lebensniveaus und besserer sozialer Absicherung der Katholiken einen Weg, ihre hohe Geburtenrate zu senken. Im August 1969 griffen aber von der nordirischen Polizei unterstützte Protestanten katholische Viertel Belfasts an, wobei fast 2000 Häuser niedergebrannt und zahlreiche Menschen getötet wurden. Die IRA erlebte ihre Wiedergeburt, und die Lage verschärfte sich ständig. 1972 suspendierte London schließlich die nordirische Regierung, weil sie die die Konflikte nicht mehr beherrschte. Dies »Direct Rule« übt bis heute ein britischer Nordirlandminister trotz temporär zugelassener Regionalregierungen aus.

Kandel, der die Diskriminierung der Katholiken in den 60er Jahren nicht als Ursache des Konflikts, sondern als Auslöser sieht, zieht eine erschreckende Bilanz: Über 3 700 Menschen wurden bei den Auseinandersetzungen seit Ausbruch der »Troubles« 1968/69 getötet, fast 50000 wurden verletzt.

Kandel hat ein wichtiges Buch geschrieben, das den Konflikt in Nordirland so präzise beschreibt wie kaum ein anderes in deutscher Sprache.

Dietmar Jochum, TP Berlin

* Johannes Kandel: Der Nordirland-Konflikt. Von seinen historischen Wurzeln bis zur Gegenwart. J.H.W. Dietz Verlag, Bonn 2005, 528 Seiten, 48 Euro

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