Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Empfang zu Ehren von König Willem-Alexander und Königin Máxima der Niederlande, gegeben vom Bundespräsidenten und Elke Büdenbender am 10. Juni 2026 in Den Haag/Niederlande.
Es gilt das gesprochene Wort.
Für einen „anarchistischen Amsterdamer“ war es ganz schön schwer, sich in Berlin einzugewöhnen. An roten Ampeln zu warten, seine Frau nicht auf dem Gepäckträger mitzunehmen und sich am Ende der Schlange anzustellen, das war schon eine Herausforderung. Trotzdem begann der, von dem dieses Bekenntnis stammt, Berlin zu lieben. Er schenkte uns feine, literarisch funkelnde Zeugnisse eines historischen Umbruchs, auch von der Nacht des 9. November 1989, in der es schien, als sei die Mauer schon durchsichtig. Die Rede ist von Cees Nooteboom, dem Erkunder der Welt und Deutschlands und der Seele der Deutschen, der Anfang des Jahres leider von uns gegangen ist.
Wer Nootebooms „Berliner Notizen“ heute noch einmal liest, der ist auch weit mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung gefesselt von den ebenso scharfsichtigen wie scharfsinnigen Beobachtungen aus seinen beiden Aufenthalten in Deutschland. Die Tragweite dessen, was er 1989 und 1990 miterlebte, erkannte Nooteboom sehr genau – weil er fasziniert, ja liebevoll, aber doch mit dem Blick von außen auf Deutschland und die Deutschen sah.
Cees Nooteboom stand wie nur wenige für die enge Verbindung, für die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern. Gerade bei uns in Deutschland wurde er verehrt. Erinnert sei hier an das legendäre Literarische Quartett auf der Frankfurter Buchmesse 1991, in dem Marcel Reich-Ranicki Nootebooms gerade auf Deutsch erschienenes Buch „Die folgende Geschichte“ feierte. Dass er gestand, es nicht ganz verstanden zu haben und es zweimal lesen musste, das war nicht gerade typisch für den großen Kritiker. Das Buch jedenfalls war kurz nach der Sendung vergriffen, und Nooteboom wurde zum literarischen Star – und öffnete vielen Deutschen den Zugang zur großartigen Literatur Ihres Landes. Und wenn auf jemanden das Wort Brückenbauer zutrifft, dann auf diesen wunderbaren Schriftsteller und leidenschaftlichen Europäer.
Meine Frau und ich freuen uns sehr, Sie heute hier begrüßen zu können, und es ist uns eine besondere Ehre und Freude, Majestäten, dass auch Sie heute Abend hier sind. Seien Sie sehr herzlich willkommen, hier in diesem ehrwürdigen Gebäude, das die weit zurückreichenden Beziehungen zwischen den Niederlanden und Deutschland widerspiegelt. Sie haben uns gerade mitgenommen auf eine Zeitreise in die Geschichte des Hauses Schuylenburch, lieber Herr Botschafter Meyer-Landrut, und ich danke Ihnen dafür.
Brückenbauer zwischen unseren beiden Ländern, das sind Sie alle, allen voran Sie, Majestäten – es ist ja kein Zufall, dass Ihnen in Deutschland die Herzen der Menschen zufliegen, ich habe es selbst immer wieder erlebt. Dass unsere beiden Länder heute einander so eng, so freundschaftlich verbunden sind, trotz des dunkelsten Kapitels in unserer Geschichte, dafür sind wir Deutschen zutiefst dankbar, und ich danke Ihnen, Majestäten, für Ihre überwältigende Gastfreundschaft, für den so offenen Empfang bei diesem Staatsbesuch in Ihrem Land! Wir sind hier zu Gast bei sehr guten Freunden, und das ist in herausfordernden Zeiten wie diesen ein ganz besonderes Geschenk.
Sie alle leben diese Freundschaft und Nähe bei aller Unterschiedlichkeit – wir sind eben keine anarchistischen Amsterdamer, selbst wenn wir uns Mühe geben –, Sie leben diese Freundschaft tagtäglich, und das stimmt mich optimistisch für unsere gemeinsame Zukunft in einem geeinten, freien, demokratischen Europa. Wie sehr sich auch und gerade Künstlerinnen und Künstler über die Grenze hinweg gegenseitig inspirieren, davon erzählt auch die Ausstellung von Frank Michael Zeidler, Stefan Pietryga und Caroline Hofman in diesen wunderbaren Räumen. Und musikalisch dürfen wir heute Abend ein Zusammenspiel von hochrangigen Musikern aus beiden Ländern erleben. Ich freue mich sehr auf Ihre Darbietung und möchte Ihnen, verehrter Gregor Horsch, und allen Künstlerinnen und Künstlern ganz herzlich danken!
Wenn ich von Freundschaft spreche, dann fehlt noch etwas. Sie ahnen es, gemeint ist der Fußball. Gerade auf dem Rasen waren wir uns ja jahrzehntelang in inniger Rivalität verbunden, um es einmal milde zu formulieren. Aber wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass das Wort Freundschaft keine Floskel ist, dann war es die EM 2024, als die Oranje-Fans zu Tausenden mit ihrem Schlachtlied „Naar links, naar rechts“ unsere Städte zum Tosen brachten. So viel gute Laune, da konnten selbst wir Deutschen – auch als wir schon ausgeschieden waren – gar nicht anders, als Ihrer Elf viel Erfolg zu wünschen. Wenn Sie mich fragen, das ist mehr als Freundschaft, das ist wahre Liebe!
Ich bin sicher, Sie werden diese Entspanntheit, diese Lockerheit, dieses wunderbare Land vermissen. Auch Sie haben sich unermüdlich eingesetzt für die deutsch-niederländische Freundschaft. Ich danke Ihnen für Ihre Verdienste im Dienste unseres Landes und wünsche Ihnen alles Gute für Ihren nächsten Lebensabschnitt.
Es ist wunderbar, hier bei Ihnen und mit Ihnen zu sein – und ich wünsche uns allen einen fröhlichen, inspirierenden, een gezelligen avond unter sehr guten Freunden!
