Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einer Gedenkveranstaltung zum 50. Todestag von Bundespräsident a.D. Gustav Heinemann am 9. Juli 2026 in der Villa Hammerschmidt in Bonn.
Ich darf Sie bitten, einmal mit mir auf das schöne Foto hier auf der Staffelei zu schauen: Wir sehen Gustav und Hilda Heinemann am Zugfenster stehen, freundlich und zugewandt, offenbar im Austausch mit Menschen auf dem Bahnsteig. Das Foto entstand am 1. Juli 1974 am Bonner Hauptbahnhof, und es zeigt gewissermaßen die Schlussszene der Präsidentschaft Heinemann. An jenem Montag hatte Gustav Heinemann im Bundeshaus seine Abschiedsrede gehalten, Walter Scheel war als neuer Bundespräsident vereidigt worden. Nun reiste Heinemann, der gern gescherzt hatte, er sei „für Bonn lediglich eine Leihgabe der Stadt Essen“, gemeinsam mit seiner Frau zurück ins heimische Ruhrgebiet.
Gustav und Hilda Heinemann verließen damals Bonn, aber sie hinterließen Bleibendes für die freiheitliche Demokratie der Bundesrepublik. Als Präsidentenpaar waren sie zu Gesichtern eines Westdeutschlands geworden, das sich öffnete und modernisierte. Sie standen für Frieden und Verständigung mit den europäischen Nachbarn im Westen und im Osten, für gesellschaftliche Liberalisierung und rechtliche Gleichstellung, für Solidarität mit Benachteiligten und Hilfsbedürftigen, und vor allem für den Aufbruch in eine lebendige Demokratie, die von ihren Bürgerinnen und Bürgern getragen wird. Die Heinemanns hatten das Selbstverständnis der Westdeutschen und das Bild der Bundesrepublik im Ausland geprägt, und sie wirkten damit über ihre Amtszeit hinaus.
Dass Gustav Heinemann als Bundespräsident über Parteigrenzen hinweg hohes Ansehen genoss, hatte ganz sicher auch damit zu tun, dass er ein aus Überzeugung unbequemer Demokrat war, eine kantige und streitbare Persönlichkeit, an der man sich reiben konnte. Heinemann wich den Meinungsverschiedenheiten in der Gesellschaft nicht aus, sondern versuchte, die Streitparteien zusammenzubringen, damit sie ihre Konflikte mit Argumenten austragen konnten. Damit erreichte er im aufgewühlten gesellschaftlichen Klima nach den Protesten der Außerparlamentarischen Opposition viele, ganz besonders auch junge Menschen.
Ich selbst war gerade 13 Jahre alt geworden und begann mich für Politik zu interessieren, als Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Und ich erinnere mich, dass es mich damals beeindruckt hat, wie er sich direkt an die Jüngeren wandte und eine politische Einladung aussprach, indem er sagte: Unser Grundgesetz ist ein offenes Angebot, lasst uns die Dinge gemeinsam zum Besseren verändern, Schritt für Schritt, durch öffentliche Kritik und durch Mitarbeit in den demokratischen Institutionen! Diese Einladung nahm ich damals an, so wie viele andere auch.
Ich freue mich sehr, dass wir heute Nachmittag hier in der Villa Hammerschmidt zusammengekommen sind, an diesem historischen Ort, an dem das Ehepaar Heinemann fünf Jahre lang gewohnt und gearbeitet hat. Anlässlich des 50. Todestages von Gustav Heinemann wollen wir an den dritten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland erinnern und an seine Frau, die es nicht mochte, wenn sie „First Lady“ genannt wurde. Und es ist wirklich schön, dass so viele aus der Familie kommen konnten! Bei uns sind – liebe Barbara Wichelhaus, lieber Peter Heinemann – die beiden jüngsten der vier Kinder von Hilda und Gustav, außerdem sechs Enkel und eine ganze Schar von Urenkeln, also drei Generationen Heinemann. Herzlich willkommen! Auch die Städte Essen, Bonn und Berlin, mit denen das Ehepaar Heinemann so eng verbunden war, sind im Saal gut repräsentiert. Und wir haben Biographen, Historikerinnen, Historiker hier, die uns helfen, Leben und Wirken der beiden in die Geschichte unserer Republik einzuordnen. Seien Sie alle ganz herzlich willkommen!
Gustav Heinemann wurde von den Zeitgenossen als „Bürgerpräsident“ bezeichnet, und er ließ immer wieder durchblicken, dass er damit sehr einverstanden war. Denn in dieser Bezeichnung klang an, dass der Bundespräsident so etwas wie der erste Bürger in einem Staat aller Bürgerinnen und Bürger ist und kein der Gesellschaft entrücktes Staatswesen. Und genau dieses freiheitlich-demokratische Staatsverständnis wollte Heinemann verkörpern und vermitteln: Er wollte mithelfen, jene Überreste obrigkeitsstaatlichen Denkens zu beseitigen, die Ende der 1960er Jahre in Deutschland noch weit verbreitet waren. Und er wollte dazu beitragen, „Untertanengesinnung und Unterwürfigkeit“, wie er es formulierte, „in staatsbürgerliches Selbstbewusstsein und Mitverantwortung zu verwandeln“.
Aus diesem Grund versuchte er, den Abstand zwischen dem Bundespräsidenten und den Bürgerinnen und Bürgern zu verringern. Heinemann sorgte dafür, dass an den Neujahrsempfängen nicht nur Politiker und hohe Beamte teilnehmen durften, sondern auch andere engagierte Bürgerinnen und Bürger – so wie es bis heute üblich ist. Er verschlankte das Protokoll, verzichtete bei Empfängen schon mal auf den roten Teppich, erlaubte neben Smoking oder Frack auch den einfachen Anzug. Und er war der erste und bislang einzige Bundespräsident, der am Ende seiner Amtszeit den Großen Zapfenstreich absagte und stattdessen mit seiner Frau, dem Ehepaar Scheel und Gästen zu einer Rheinfahrt aufbrach – bevor er dann in den Zug nach Essen stieg.
Dieser neue präsidiale Stil sollte das Selbstverständnis der Bürgerinnen und Bürger als Citoyens stärken, er sollte zum Mitmachen einladen, statt einzuschüchtern oder abzuschrecken. Und Heinemann hatte noch eine Idee, um Bürgermut zu wecken und die Bürgerinnen und Bürger dafür zu begeistern, den demokratischen Staat als eigene Angelegenheit anzunehmen: Mit großer Leidenschaft warb er dafür, die weitverzweigte Geschichte der deutschen Freiheits- und Demokratiebewegungen stärker im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern.
Heinemann erinnerte daran, dass es in der deutschen Geschichte seit dem Mittelalter immer wieder mutige Männer und Frauen gegeben hat, die sich mit der Bevormundung durch kirchliche und weltliche Obrigkeiten nicht abfinden wollten und für Freiheit und Selbstbestimmung kämpften, oft unter Einsatz ihres Lebens. Besonders am Herzen lag ihm dabei die bürgerliche Freiheitsbewegung von 1848, in deren Tradition er sich auch aus familiären Gründen sah: Zwei Brüder seines Urgroßvaters hatten damals auf den Barrikaden gekämpft.
Der „Bürgerpräsident“ Heinemann hatte schon früh erkannt, wie wertvoll die deutsche Freiheits- und Demokratiegeschichte für die Zukunft der bundesrepublikanischen Demokratie ist. Denn obwohl diese Geschichte alles andere als eine geradlinige Erfolgsgeschichte ist: Wenn wir uns mit ihr beschäftigen, dann können wir erfahren, dass die freiheitliche Demokratie des Grundgesetzes auch in der deutschen Geschichte ihre Wurzeln, ihre Wegbereiterinnen und Wegbereiter hat. Und dann können wir uns als Bürgerinnen und Bürger ganz bewusst in diese republikanische Tradition stellen und sie weiterführen!
Sie alle wissen, Heinemanns Engagement führte zu bleibenden Ergebnissen. Wenige Tage vor dem Ende seiner Amtszeit konnte er die Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte in Rastatt eröffnen. Und schon zuvor hatte er den „Gustav-Heinemann-Preis für die Schuljugend zum Verständnis deutscher Freiheitsbewegungen“ ins Leben gerufen, den heutigen Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. In der damaligen Bundesrepublik wurde Heinemanns erinnerungspolitischer Vorstoß allerdings bald und aus guten Gründen von einem anderen Thema überlagert, nämlich von der viel zu lange verweigerten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen. Was sich zu Beginn der 1970er Jahre erst noch entwickeln musste, war die Bereitschaft, ohne Abwehr und Beschönigung an Täter und Opfer, an Mitläufer und Zuschauer zu erinnern, war eine aufrichtige Erinnerungskultur, die heute zu unserer demokratischen Identität gehört.
Wir leben in einer Zeit, in der die freiheitliche Demokratie von innen und von außen bedroht wird. Gerade in dieser Zeit brauchen wir beides: zum einen die Erinnerung an den Nationalsozialismus, den deutschen Vernichtungskrieg und das Menschheitsverbrechen der Shoah, an unsere historische Verantwortung des „Nie wieder!“ und die damit verbundene Verpflichtung, die Würde jedes einzelnen Menschen zu achten und zu schützen. Und zum anderen die Erinnerung an die Freiheits- und Demokratiebewegungen unserer Geschichte. Ich bin überzeugt: Aus dieser Erinnerung können wir Mut und Kraft schöpfen, um die politischen Herausforderungen der Gegenwart zu meistern und die freiheitliche Demokratie gegen Angriffe zu verteidigen!
In unserer vereinten Berliner Republik müssen wir uns dabei ganz besonders um die jüngere Demokratiegeschichte kümmern. Das gilt für die Erinnerung an die Opposition in der DDR und die Friedliche Revolution von 1989, in der sich mutige Bürgerinnen und Bürger selbst aus der Diktatur befreiten. Es gilt aber auch für die Erinnerung an die demokratischen Errungenschaften der alten Bundesrepublik, die unser Land bis heute prägen – etwa an den Parlamentarischen Rat, der in der Pädagogischen Akademie hier in Bonn das Grundgesetz schuf. Auch deshalb, liebe Gäste, ist es gut, dass wir heute in der Villa Hammerschmidt zusammengekommen sind. Und deshalb ist es wichtig und an der Zeit, dass wir uns jetzt Gedanken darüber machen, wie wir diesen herausragenden Ort unserer Demokratiegeschichte in Zukunft nutzen wollen.
Ich wünsche mir, dass die Villa Hammerschmidt als zweiter Amtssitz des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin erhalten bleibt. Und ich wünsche mir, dass wir das „Weiße Haus am Rhein“ darüber hinaus zu einem lebendigen Haus der Republik machen, das übers ganze Jahr für Bürgerinnen und Bürger geöffnet ist. Hier in der Villa und im Park könnten demokratiegeschichtliche Ausstellungen, Gespräche mit Zeitzeugen oder Intellektuellen stattfinden; die verschiedensten Menschen könnten hier zusammenkommen, um an diesem historischen Ort politische Fragen unserer Zeit zu diskutieren.
Die Villa Hammerschmidt könnte so zu einem besonders schönen Teil eines Demokratiecampus werden, der sich gerade entwickelt. Ich finde, es ist eine großartige Idee, die Gebäude des ehemaligen Bonner Regierungsviertels stärker miteinander zu verbinden und hier am Rheinufer ein großes Ensemble zu schaffen, in dem Demokratiegeschichte erlebt und Demokratie gelebt werden kann! Und ich bin der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland dankbar, dass sie diese Idee weiterentwickelt. Lassen Sie uns die Debatte über den Demokratiecampus führen, nicht nur hier in Bonn, sondern in ganz Deutschland!
Dass die Geschichte der Bonner Republik uns bis heute faszinieren kann und etwas zu sagen hat, das zeigt die Erinnerung an die Präsidentschaft Heinemann in besonderer Weise. Lieber Herr Görtemaker, ich bin gespannt auf Ihren Vortrag über Gustav Heinemann. Und ich freue mich, liebe Frau Mettele, auf Ihre Würdigung von Hilda Heinemann, die ihre Rolle als „Première Citoyenne“ selbstbewusst zu nutzen wusste. Und dann werden wir eine einzigartige Zeitzeugin hören, die gleich beides ist: Enkelin eines Bundespräsidenten und ehemalige „First Lady“. Liebe Christina Rau, schon jetzt meinen herzlichen Dank dafür, dass Sie Ihre Erinnerungen an Ihre Großeltern mit uns teilen!
Ich wünsche Ihnen und uns allen einen wunderbaren Nachmittag hier in diesem Haus der Republik!
Fotoquelle: Bundesarchiv
