Anlässlich des 85. Jahrestags des Beginns der nationalsozialistischen Deportationen von Jüdinnen und Juden aus Berlin fand heute am „Gleis 17“ des S-Bahnhofs Grunewald im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf eine Gedenkveranstaltung statt. Neben dem Botschafter des Staates Israel in Deutschland, Ron Prosor, und dem Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, die bewegende Einführungsreden hielten, hielt der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Stephan Harbarth, die eigentliche Hauptrede.
Ron Prosor betonte:
Bevor ein Zug seine Fahrt aufnimmt, ist seine Richtung längst bestimmt.
Der entscheidende Moment einer Zugfahrt ist nicht immer der Augenblick, in dem sich die Räder in Bewegung setzen.
Manchmal liegt er viel früher: in Entscheidungen, die den Weg bereiten, und im Schweigen derer, die ihn hätten aufhalten können.
Heute, vor genau 85 Jahren, am 18. Oktober 1941, verließ der erste Transport Berliner Juden diesen Ort.
Das Ziel war das Ghetto Łódź.
Es war der Beginn einer systematischen Deportation, die zehn Tausende Berliner Juden aus ihrer Heimatstadt reißen und sie in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager führen sollte.
Als dieser Zug abfuhr, hatte die Verfolgung längst ihr Ziel erreicht.
Die Menschen, die hierher gebracht wurden, waren zuvor aus ihren Berufen gedrängt, ihrer Rechte beraubt, aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen und ihrer Würde beraubt worden.
Sie mussten zu Fuß durch ihre eigene Stadt marschieren, um von hier deportiert zu werden.
Sie mussten sogar für die Kosten ihrer eigenen Verschleppung aufkommen.
Die Deportation begann nicht auf den Schienen. Sie begann mitten in der Gesellschaft.
Sie begann mit Worten, die Juden zu Fremden erklärten.
Mit Gesetzen, die ihnen ihre Rechte nahmen.
Mit Nachbarn, die wegschauten.
Mit einer Gesellschaft, in der die Ausgrenzung jüdischer Menschen Schritt für Schritt zur Normalität wurde.
Meine Damen und Herren, an diesem Ort stehen wir heute vor den Spuren dieser Verbrechen.
Die Gleise sind geblieben.
Doch die Menschen, die von hier deportiert wurden, fehlen.
Mit ihnen verschwanden Familien, Freundschaften, Lebensgeschichten und Zukunft. Juden, die Berliner waren.
Juden, die zu dieser Stadt gehörten.
Juden, denen das Recht abgesprochen wurde, hier zu leben.
Wir können ihre Schicksale nicht rückgängig machen.
Aber wir können uns fragen, was wir aus ihnen gelernt haben.
85 Jahre sind vergangen, seit der erste Zug Berlin verließ.
Doch die Zeit allein nimmt uns nicht die Verantwortung ab.
Sie verpflichtet uns, die Warnungen der Vergangenheit zu erkennen, die Gefahren der Gegenwart beim Namen zu nennen und zu handeln, bevor es zu spät ist.

Abraham Lehrer machte deutlich:
Wir gedenken heute der mer als 50.000 Berliner Juden, die zwischen Oktober 1041 und Frühjahr 1942 vorwiegend von hier, vom Gleis 17 aus, mit der Deutschen Reichsbahn in die Vernichtungslager deportiert und ermordet wurden.
Vor genau 85 Jahren, am 18. Oktober 1941, fuhr hier der erste Berliner „Osttransport“ in Richtung Lodz ab.
Die Beförderung wurde den Opfern durch die Deutsche Reichsbahn in Rechnung gestellt.
Wir erinnern an die Toten.
Indem wir uns erinnern, bewahren wir nicht nur die Entrechteten, Gejagten, Deportierten und schließlich Ermordeten vor dem Vergessen.
Nein wir geben ihnen auch ein Gesicht. Wir geben ihnen ihre Würde und ihre Geschichte zurück.
Wir erinnern heute an die ausgelöschten Leben, die zerstörten Träume von Menschen. Wir erinnern an Männer, Frauen und Kinder, deren Leben auf grausame Weise zerstört und vernichtet wurde.

Stephan Harbarth betonte, dass die Deportationen den Übergang vom Recht ins Unrecht markierten. Er mahnte, dass es im Kampf gegen Antisemitismus sowie zum Schutz jüdischen Lebens kein Nachlassen gegen darf. (Seine Rede wird morgen ergänzt).


Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, war zwar anwesend, äußerte sich aber bereits vorab, am 15. Oktober 2026, in einer Pressemitteilung.

„Der 18. Oktober 1941 markiert den Beginn der Deportationen und der systematischen Verfolgung von Jüdinnen und Juden, die schließlich in der Shoah endete. Wir gedenken am ‚Gleis 17‘ der Opfer des Holocaust – und werden niemals vergessen. In Berlin dulden wir als Berliner Senat keinen Antisemitismus, Hass oder Gewalt gegen Jüdinnen und Juden. Es bleibt die Aufgabe von uns allen, Antisemitismus konsequent entgegenzutreten – unabhängig davon, aus welcher Richtung er kommt und wo er stattfindet.“





Fotoquellen: TP Presseagentur Berlin
