„In der Geschichte haben Deutsche mit dieser Ideologie millionenfach gemordet“.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einer Gedenkveranstaltung zum 10. Jahrestag des Anschlags im Olympia-Einkaufszentrum am 22. Juli 2026 in München.

(es gilt das gesprochene Wort),

„Wir gedenken heute gemeinsam der Opfer des rechtsterroristischen Anschlags am Olympia-Einkaufszentrum München, der genau heute vor zehn Jahren, fast genau um diese Tageszeit, neun Menschen brutal aus dem Leben gerissen hat. Viele andere wurden zum Teil schwer verletzt. Die Stadt, das Land standen unter Schock – und Ihr Leid, liebe Angehörige, Ihre Trauer, liebe Familien der Ermordeten, dieses Leid hält an. Und er will nicht vergehen – zu schwer der Verlust, zu groß der Schmerz.

Ich bin heute zu Ihnen gekommen, um die Trauer mit Ihnen zu teilen. Und ich bin zu Ihnen gekommen, um als Bundespräsident deutlich zu sagen: Diese rassistische Tat betrifft nicht nur die Opfer und ihre Angehörigen und Freunde, nicht nur die Stadt München, nicht nur den Freistaat Bayern, sie betrifft unser ganzes Land, und sie geht uns alle in diesem Land an. Deshalb geht auch Ihr Leid, das Leid der Angehörigen und Freunde der Opfer uns alle an. Sie sind nicht allein. Wir alle trauern mit Ihnen; wir sind an Ihrer Seite.

Der Täter kannte keines seiner Opfer, er hatte – nach allem, was wir wissen – zu keinem eine persönliche Beziehung. Er wollte jedoch, das steht ohne Zweifel fest, gezielt ganz bestimmte Menschen töten. Sein Hass, seine Vernichtungsabsicht richtete sich nicht zufällig gegen Menschen, die er als minderwertig ansah, denen er das Recht zu leben absprach. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Täter selbst einen Migrationshintergrund hatte.

Diese Ideologie kennen wir. In der Geschichte haben Deutsche mit dieser Ideologie millionenfach gemordet. Niemals dürfen wir uns damit abfinden, dass solches Denken in unserem Land wieder Raum gewinnt. Nicht bei denen, die seit Generationen hier leben; nicht bei denen, die später zugewandert sind. Antisemitismus und Rassismus dürfen keinen Platz in unserer Gesellschaft haben. Dafür zu sorgen ist unser aller Pflicht.

Jedes totalitäre Denken, jede totalitäre, rassistische Ideologie beginnt mit der Verneinung von Individualität, mit der Einteilung von Menschen nach Mustern, nach Zugehörigkeiten – so zufällig sie auch sein mögen und so wenig sie in unsere freie Entscheidung gestellt sind, wie etwa unsere Herkunft.

Niemand steht aufgrund seiner Herkunft über jemand anderem. Die unantastbare Menschenwürde, von der das Grundgesetz in seinem ersten Artikel spricht, gilt für uns alle, welche Form und welche Weise zu leben wir auch immer wählen. Wir alle haben das gleiche Recht, unser eigenes Leben zu leben, über unsere Zukunft selber zu entscheiden und einen Weg zu gehen, den wir selber gehen wollen.

Und so ist es richtig und wichtig, jeden einzelnen Namen der am 22. Juli Ermordeten zu nennen und im Gedächtnis zu behalten. Jeder einzelne Name steht für eine besondere, unverwechselbare und dann so brutal abgebrochene Lebensgeschichte.

Unser Gedenken gilt heute also

Armela Segashi
Can Leyla
Dijamant Zabërgja
Guiliano Kollmann
Hüseyin Dayıcık
Roberto Rafael
Sabine Sulaj
Selçuk Kılıç
Sevda Dağ

In diesen Namen sind ihre Geschichten, ihre Lebensgeschichten geborgen. Ich bin darum dankbar dafür, dass es das kleine Buch „Tell Their Stories“ gibt, in dem Verwandte und Freunde das Leben der Ermordeten aufleuchten lassen, in Reden, in Gesprächen, in Gedichten. Es ist ein Buch voller Schmerz und Bitterkeit – aber auch ein Buch voller Poesie, voller Dankbarkeit und voll mit unauslöschlichen Erinnerungen.

Erinnert werden kleine Träume und große Hoffnungen, die in diesen Leben nicht mehr reifen konnten, erinnert werden Liebe und Zuneigung, Erfolge und Erfüllungen, bleibende Gesten und Sätze, Begeisterungen und Leidenschaften, Lachen und Weinen, Trauer und Freuden – alles eben, was ein Leben, so kurz es auch gewesen sein mag, ausmacht und reich gemacht hat.

Wenn ich von diesen Erinnerungen hier nur eine einzige herausgreife, dann, weil sie mir stellvertretend auch für die anderen zu sprechen scheint. Die schmerzerfüllte Mutter Yasemin Kılıç richtet direkt an ihren verstorbenen Sohn Selçuk die Worte: „Du warst mein Sonnenschein, mein Stolz und meine größte Freude. Die Erinnerungen an die gemeinsam verbrachte Zeit trage ich tief in meinem Herzen, und sie geben mir Trost in dieser dunklen Zeit. Ich erinnere mich an all die glücklichen Momente, die wir geteilt haben, und ich halte sie fest, um mich in den schweren Momenten zu stützen.“

Wir alle respektieren auch, dass sich zwei Familien entschlossen haben, ihre Erinnerungen für sich zu bewahren und nicht öffentlich zu machen. Auch im Schweigen kann uns Trauer und Gedenken verbinden – untereinander und mit den Verstorbenen.

Schweigen dürfen wir in Staat und Gesellschaft allerdings nicht über die Ursachen und die Konsequenzen dieses und anderer rechtsterroristischer Verbrechen in unserem Land. Ganz gewiss: Es sind oft einzelne Täter, bei denen ideologische Verblendung, Amok-Phantasien, irrationale Weltbilder und psychische Störungen ein mitunter unentwirrbares Motivationsgeflecht ergeben.

Aber das darf nicht dazu führen, den harten ideologischen Kern von rechtsextremistischen Terrorattacken wie der am und im OEZ nicht wahrhaben zu wollen – eine Spur solcher Taten zieht sich durch die Geschichte der Bundesrepublik. Unbestreitbar ist, dass der Täter die Tat lange vorbereitet hat, dass er rechtsextreme Parolen mehrfach und nicht nur im Netz geteilt hat, dass er das symbolische Datum gewählt hat, an dem fünf Jahre zuvor ein rechtsextremer Täter das grauenhafte Massaker in Norwegen verübt hatte, dass er sich mit anderen Rechtsextremen und Rassisten vernetzt hat – und dass er seine Opfer nach rassistischen Zuschreibungen ausgewählt hat: Unter den Opfern waren ausschließlich Menschen mit türkischen, südosteuropäischen oder anderen Wurzeln, Musliminnen und Muslime, Angehörige der Roma und Sinti.

Gerade für die Hinterbliebenen und Angehörigen hat es wohl allzu lange gedauert, bis eindeutig und öffentlich der rechtsterroristische Anschlag im OEZ auch als solcher anerkannt worden ist.

Was müssen wir für Konsequenzen ziehen, nicht nur aus dem Anschlag am OEZ, sondern auch aus anderen grausamen rechtsterroristischen Anschlägen in unserem Land wie Solingen, Halle und Hanau, der Ermordung von Walter Lübcke, dem Oktoberfestattentat hier in München und den Morden des NSU, um nur diese zu nennen?

Wir müssen jede Spur von volksverhetzendem rassistischen Sprechen, Handeln und Posten politisch bekämpfen, aber auch verfolgen und sanktionieren. Wir brauchen hier größere Aufmerksamkeit, mehr Konsequenz, mehr klare Kante, um es so schlicht zu sagen.

Immer wieder mussten wir ja lernen, dass es hier nicht um pubertäre Spielerei oder jugendliches Ausprobieren von Grenzüberschreitungen geht. Nein, hier werden, oft schon bei jungen, immer häufiger bei sehr jungen Menschen in Schulen und Vereinen, in Dörfern und Stadtteilen, vor allem aber in Chatgruppen und sozialen Medien menschenfeindliche Haltungen fest geprägt, die tödliche Konsequenzen haben können. Nichts davon ist harmlos. Hakenkreuze, Nazi-Symbole, wie sie mit immer weniger Scheu zur Schau gestellt werden, rechtfertigen nicht nur Nazi-Verbrechen, sie fördern den Rassenhass und die Bereitschaft zur Gewalt.

Bekämpfen müssen wir alle, jede und jeder auf seine Weise und an ihrem Ort, bekämpfen müssen wir ein Klima, das feindlich gegenüber Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ist. Begreifen wir es endlich: Zuwanderungsgeschichte haben nicht nur einzelne Menschen – unser ganzes Land hat sie. Deutschland ist ein Land mit Migrationshintergrund. Das macht uns aus. Gerade die Ermordeten von München 2016 haben, jede und jeder einzelne, ihre Hoffnung und ihren Lebenstraum, ihre besten Eigenschaften und ihre Leistungsbereitschaft in diesem unserem gemeinsamen Land leben wollen. Und damit auch für dieses Land, für unser gemeinsames Deutschland. Wer die Menschenfreundlichkeit unseres Gemeinwesens bewahren und schützen will, muss gegen jede Spur von Menschenfeindlichkeit eintreten. Dazu mahnen die Opfer des Anschlags vor zehn Jahren.

Die Toten von München bleiben in unserem Gedächtnis. Und in der Erinnerung ihrer Liebsten bleiben sie lebendig und gegenwärtig. Wir alle ehren sie am besten, wenn wir daran arbeiten und dafür wirken, dass Deutschland unsere gemeinsame Heimat bleibt und immer mehr wird.“

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