„Jeder Mensch in unserem Land hat das gleiche Recht, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten“.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Jahresempfang 2025 des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen am 6. Oktober 2025 in Berlin.

Ich bin immer noch ganz beseelt von der Musik, die wir eben alle zusammen hören, sehen und fühlen durften. Lieber Mischa Gohlke, Sie und Ihre Band sorgen nicht nur für großartige Stimmung, Sie sind auch ein Vorbild für unsere Gesellschaft. Denn Sie zeigen, wie viel Energie entsteht, wenn Menschen mit unterschiedlichen Talenten und Fähigkeiten zusammenwirken und sich dabei gegenseitig ergänzen und unterstützen. Sie zeigen, was alles möglich ist, wenn jeder seine einzigartige Persönlichkeit einbringen kann, um das gemeinsame Ganze mitzugestalten. Sie und Ihre Band lassen uns ganz unmittelbar erleben: Gelungene Inklusion bringt nicht nur jeden Einzelnen voran, sondern auch uns alle miteinander!

Ich finde, diese Botschaft müssen wir in unserem Land noch viel mehr zu Gehör bringen. Auch deshalb ist es so wichtig, dass es den Empfang des Bundesbeauftragten gibt, dessen Echo hoffentlich weit über Berlin hinausreicht. Herzlichen Dank für Ihre Musik, lieber Herr Gohlke; herzlichen Dank für Ihre Worte, lieber Herr Dusel – ich freue mich sehr, heute Abend bei Ihnen zu sein!

Jeder Mensch in unserem Land hat das gleiche Recht, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten. Und jeder hat das gleiche Recht, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Politik und Gesellschaft müssen deshalb dafür sorgen, dass auch Menschen mit körperlichen, seelischen oder intellektuellen Beeinträchtigungen von diesem Recht Gebrauch machen können. Sie alle wissen das. Aber ich fürchte, es hat sich noch nicht weit genug herumgesprochen. Inklusion ist kein Nice-to-have für gute Zeiten, und sie ist auch keine politische Mode, die man einfach wieder beiseitelegt. Inklusion ist ein Menschenrecht!

Und Inklusion geht uns alle an – ob als Betroffene, als Angehörige, als Freundinnen oder als Mitbürger. 13 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen leben heute in unserem Land, und es werden in unserer alternden Gesellschaft noch mehr werden. Jede und jeder kann im Laufe des Lebens von einer Behinderung betroffen werden. Deshalb: Inklusion ist kein Nischenthema, sondern eine der großen Aufgaben unserer Tage. Wir dürfen das Ziel einer inklusiven Gesellschaft in dieser Zeit der Umbrüche und Krisen nicht aus den Augen verlieren. Wir haben in den vergangenen Jahren schon viel erreicht, aber wir müssen unseren Weg jetzt fortsetzen – konsequent und Schritt für Schritt!

Dass wir schon ein gutes Stück vorangekommen sind, das haben wir vor allem den vielen engagierten Menschen mit Behinderungen und den viele engagierten Angehörigen zu verdanken. Menschen wie Ihnen, meine Damen und Herren, die sich unermüdlich für Selbstbestimmung und Teilhabe einsetzen. Ohne Ihren Einsatz hätte es weder die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen gegeben noch die jüngsten Fortschritte in unserem Land: Ich denke nur an das inklusive Wahlrecht, an das Bundesteilhabegesetz oder an die Pflicht, die elektronische Kommunikation und Information barrierefrei zu gestalten.

Kurz gesagt: Ihnen ist es zu verdanken, dass heute nicht wenige Menschen mit Behinderungen tatsächlich weitgehend selbstbestimmt leben können. Dafür will ich Ihnen heute, im Namen unseres Landes, danke sagen: Herzlichen Dank für Ihren großartigen Einsatz – und lassen Sie bitte nicht nach, bleiben Sie gerade jetzt sichtbar und hörbar!

Lieber Herr Dusel, wir kennen uns lange, und ich erinnere mich: „Demokratie braucht Inklusion“, das war das Motto, mit dem Sie 2018 in das Amt des Bundesbeauftragten gestartet sind. Heute, sieben Jahre später, ist der Satz aktueller denn je. Denn wir erleben ja alle, dass der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft brüchiger geworden ist, dass der Ton in öffentlichen Debatten schärfer und unversöhnlicher wird, dass Vorurteile und Ressentiments wachsen. Und ich bin überzeugt: Das hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass sich Teile unserer Gesellschaft voneinander entfremdet haben.

Um wieder zu stärken, was uns verbindet, brauchen wir ein gutes Miteinander im Alltag: in der Kita und in der Schule, am Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft, in der Kultur und im Sport. Bringen wir also die unterschiedlichen Menschen unserer Gesellschaft zusammen, machen wir Begegnung und Austausch an vielen Orten möglich! Denn Respekt und Solidarität; die Bereitschaft, sich auf andere Sichtweisen und Argumente einzulassen; die Fähigkeit, Interessen auszugleichen, Kompromisse zu finden, das Gemeinwohl mitzugestalten: All das wächst und gedeiht eben nur im täglichen Miteinander.

Demokratie braucht Inklusion, aber es gilt eben auch umgekehrt: Inklusion braucht Demokratie. Das wird uns heute wieder besonders bewusst, wenn wir die Nachrichten verfolgen. Wir alle wissen, die Demokratie steht unter Druck, sie wird von außen und von innen bedroht und angegriffen. Und die Verächter der Demokratie bekämpfen dabei auch das gleiche Recht jedes Menschen auf Selbstbestimmung und Teilhabe. Deshalb: Verteidigen wir jetzt unser Grundgesetz, das die Würde jedes Einzelnen schützt! Stehen wir zusammen ein für unsere freiheitliche Demokratie!

Lieber Herr Dusel, Sie haben es eben gesagt: Es ist noch viel zu tun auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft. Noch immer können viele Menschen mit Behinderungen nicht frei wählen, welche Schule sie besuchen, welche Ausbildung sie machen oder wie und mit wem sie wohnen wollen. Und noch immer, Sie alle müssen das täglich erfahren, gibt es Barrieren: in Wohngebäuden und Arztpraxen, im Haushalt und bei der Mobilität, in Geschäften und Freizeiteinrichtungen, am Arbeitsplatz, in öffentlichen Einrichtungen und im digitalen Raum.

Liebe Frau Ministerin Bas, Sie sind in diesen Tagen gefordert wie selten jemand vor Ihnen in Ihrem Amt. Die Themen auf Ihrem Schreibtisch sind zahlreich und sämtlich schwierig. Aber einige Dinge werden Ihnen genauso am Herzen liegen wir mir.

Erstens: Wenn wir jetzt unsere Infrastruktur modernisieren und unsere Wirtschaft klimafreundlich umbauen, wenn wir Wohnhäuser, Einkaufszentren, Werkshallen, Büros, Schulen, Kultureinrichtungen, Sportanlagen oder Straßen planen, dann müssen wir die Barrierefreiheit immer gleich mitdenken. Das ist auch ökonomisch vernünftig! Denn es kostet Kommunen und Unternehmen weniger, wenn sie die Barrierefreiheit von Anfang an mitberücksichtigen, als wenn sie hinterher nachbessern müssen.

Zweitens: Bürokratische Regeln, die eigentlich zur Umsetzung von Teilhabe geschaffen wurden, dürfen in der Praxis nicht selbst zu Barrieren werden. Ob es um die Genehmigung von inklusiven Wohnprojekten geht, um die Beantragung von Leistungen oder die Beratung: Ich wünsche mir, dass unser Staat gerade auch da, wo es um Selbstbestimmung und Teilhabe geht, handlungsfähiger und bürgerfreundlicher wird!

Drittens: Inklusion gelingt umso besser, je stärker Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen in Entscheidungen eingebunden sind. Das ist natürlich ein uralter Hut. Aber wir müssen es heute, in dieser Zeit der Veränderungen, aufs Neue beherzigen. Gerade wenn es darum geht, digitale Angebote zu entwickeln und die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz zu nutzen, müssen die Menschen mitwirken und mitentscheiden, die aus eigener Erfahrung wissen, welche Unterstützung sie im Alltag, in der Schule oder am Arbeitsplatz brauchen!

Und mein vierter und letzter Punkt: Wir brauchen nicht einfach nur mehr Inklusion, wir brauchen mehr gelingende Inklusion! Es geht nicht alles auf einmal, und es geht nicht ohne einen klaren Plan. Wir sehen das heute an vielen Regelschulen: Wenn die Klassen zu groß sind, wenn es an sonderpädagogischem Personal und an barrierefreien Unterrichtsmitteln mangelt, dann ist das frustrierend für Schüler und Lehrer – und es führt dazu, dass Inklusion für manche zu Unrecht einen schlechten Klang hat!

Hier ist jetzt die Politik gefragt – in Bund, Ländern und Kommunen! Ich habe aber auch eine Bitte an Sie, an alle Bürgerinnen und Bürger, die sich für die Belange von Menschen mit Behinderungen stark machen: Bitte bleiben Sie beharrlich, engagieren Sie sich weiterhin für Bedingungen, unter denen Inklusion gelingt! Und machen Sie vor allem auch die vielen guten Beispiele sichtbar, die es doch längst überall gibt. Denn Demokratie braucht Inklusion. Und Inklusion braucht Sie!

Ich freue mich auf den Abend mit Ihnen. Herzlichen Dank!

Fotoquelle: TP Presseagentur Berlin

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