„No more Tears in Heaven“.

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Bewegende Predigt am 24.12.2016 (Heiligabend) in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin.

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin war gut besucht bei der Christmette am 24.12.2016. Pfarrer Martin Germer hielt eine bewegende Predigt (siehe auch obige pdf-datei zum kostenlosen Download), 5 Tage nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz.

Den Kirchenbesuchern merkte man an, dass der Schock über das schreckliche Geschehen noch nicht bewältigt ist. Es wird sie wohl noch eine  ganze Weile begleiten in ihren Gedanken und Gefühlen.

TP/dj

Die Predigt:

Christmette 24.12.2016
Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche Berlin
Predigt mit Lukas 2, 9 – „Klarheit des Herrn“ – fünf Tage nach dem Terroranschlag vom 19.12.2016 auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche
Pfarrer Martin Germer

 

Liebe Gemeinde!

„No more Tears in Heaven“[i] – im Himmel gibt es keine Tränen mehr. So hat es Eric Clapton gesungen, vor fünfundzwanzig Jahren, auf der Suche nach Trost nach dem Unfalltod seines kleinen Sohnes. Du, mein Kind, musst nicht mehr weinen. Im Himmel, da braucht es keine Tränen mehr zu geben (TP hat das Video Eric Claptons mit dem Song „Tears in Heaven“ am Ende dieser Predigt eingestellt).

Hier in unserer Kirche und ringsum auf dem Breitscheidplatz sind in diesen Tagen unendlich viele Tränen geflossen. Zum Glück, möchte ich sagen, denn so findet die Erschütterung wenigstens ein Ventil. Überall draußen um die Kerzeninseln herum, und auch hier in den Stuhlreihen oder beim Eintragen ins Kondolenzbuch: unzählige Menschen mit feuchten Augen, auch noch heute. Und jeder versteht es, niemand muss sich seiner Tränen schämen. Auch nicht die Feuerwehrmänner, die schon viel Furchtbares gesehen haben. Auch nicht meine Freunde aus dem Kreis der Schausteller, die sonst bestimmt nichts so leicht umhaut.

In ihre Welt ist plötzlich etwas hereingebrochen, ein Akt mörderischer Gewalt, das lässt sie nicht los. In unser aller Welt ist etwas hineingebrochen, das hatten wir uns vorher so nicht vorstellen können. Auch wenn die Nachrichten voll davon sind, aus anderen Teilen der Welt, wo die Gewalt oft noch ganz andere, noch viel entsetzlichere Ausmaße hat. Aber nun tatsächlich auch hier, mitten in unserer Stadt, direkt neben dieser Kirche! Und jede und jeden hätte es treffen können. Nicht wenige waren kurz vorher noch genau dort oder wären beinahe dorthin gegangen. Einige sind buchstäblich um Haaresbreite mit dem Leben davon gekommen. Wie durch ein Wunder, sagt mir einer, der unmittelbar dabei war. Und zwölf Menschen wurden schrecklich aus dem Leben gerissen, vom einen Moment auf den anderen. Sie hinterlassen weinende Angehörige – in Berlin, in Brandenburg, in Israel, in Italien, in Polen. Weitere liegen schwer verletzt im Krankenhaus, werden vielleicht fürs Leben gezeichnet sein.

Wie kann man da Weihnachten feiern, wurde ich in den letzten Tagen oft gefragt. Kann man das tun, so als wäre nichts gewesen? Nein, natürlich nicht – nicht so, als wäre nichts gewesen. Aber mit dem, was gewesen ist, auf die Weihnachtsbotschaft hören, auf die Botschaft vom Frieden, die hineinklingen möchte in eine furchtbar friedlose Welt: das können wir tun, und das sollten wir tun. Darum, so denke ich, sind wir jetzt hier.

Auch in die Welt der Hirten ist plötzlich etwas hereingebrochen. Der Engel des Herrn, eine überwältigende Erscheinung, umgeben von strahlendem Lichtglanz. Gerade noch hatten sie das getan, was sie immer tun, am späten Abend, und waren völlig ahnungslos. Doch nun, vom einen Moment zum anderen ist ihre nächtliche Welt in gleißende Helligkeit getaucht.

Martin Luther übersetzt das genial: „Die Klarheit des Herrn leuchtete um sie.“ Die „Klarheit“ Gottes. Andere Übersetzungen reden hier von „Lichtglanz“ oder von „Herrlichkeit“, und das entspricht durchaus dem Wörterbuch. Aber „Klarheit“, das trifft es hier am genauesten. Gottes „Klarheit“: über die Welt, über die Menschen, über jeden einzelnen. Plötzlich ist das alles glasklar ins Licht gerückt, in die „Klarheit“ Gottes.

Wunderbar, könnte man meinen. Endlich alles klar! Keine Rätsel mehr, nichts Unbegreifliches, nichts Unfassbares. Kein hilfloses, kein ohnmächtig fragendes: Warum? Wäre das nicht wirklich toll?

Aber nein: die Hirten kriegen als erstes einen tiefen Schreck! Was kommt da so plötzlich auf uns zu! Und wie stehen wir da, in diesem Licht? Wie steht unsere Welt da, wenn Gottes „Klarheit“ alles zutage bringt? Und wie wird es da uns selbst ergehen?

„Und sie fürchteten sich sehr“, erzählt Lukas, so wie es auch sonst meistens in der Bibel erzählt wird, wenn etwas Göttliches ins Leben der Menschen hineinkommt. Gott, wenn man ihn wirklich ernst nimmt, ist keiner, den man so einfach mal neben sich aufs Sofa setzen kann. Er ist kein „lieber Gott“, für den alles sowieso okay ist und von dem man nichts zu fürchten hätte. Gott ist einer, der es ernst meint. Und er hat allen Grund, es nicht nur ernst zu meinen, sondern auch kritisch, ja sehr kritisch hinzublicken. Wenn er erstmal mit seiner „Klarheit“ bei uns hineinleuchtet, wer weiß, was er dann alles zu sehen bekommt! Welche dunklen Seiten könnten dann womöglich auch bei uns selbst zutage treten! „Und sie fürchteten sich sehr!“

Bis dann die Worte des Engels für ganz neue Klarheit sorgen: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude“, euch und auch allen anderen, „Freude, die allem Volke widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren!“ Und dann kommen die ganzen „himmlischen Heerscharen“ hinzu und bringen beides zusammen: „Ehre sei Gott in der Höhe – und Friede auf Erden.“ „Fürchtet euch nicht!“

In dem neugeborenen Kind also, in dem Kind in der Krippe, da ist das beides mitein­ander verknüpft: Gottes Ehre im Himmel, und der Friede hier bei uns auf Erden. Der Friede, nach dem wir uns sehnen und der in Tagen wie diesen so furchtbar fern zu sein scheint, nun sogar hier bei uns – und wie viel ferner noch an so vielen anderen Orten dieser Erde, von denen wir täglich in den Nachrichten hören!

Wenn das so sein sollte, dann wäre das wirklich „eine große Freude“, eine große Freude für „alles Volk“. Dann könnten wir auch mit den Worten von Jochen Klepper singen, wie wir es ja tatsächlich vorhin schon getan haben: „Auch wer zur Nacht
geweinet, der stimme froh mit ein: Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.“[ii]

„Friede auf Erden“ – verbunden mit dem neugeborenen Kind. Gottes Neuanfang mit uns Menschen. Gott selbst begibt sich hinein in unsere Welt, in unsere oftmals so dunkle Welt mit ihren vielen Plagen und ihrer großen Jammerlast, und wird Mensch. Ganz einfach Mensch. Wird ein kleines, verletzliches, ein ganz auf menschliche Fürsorge angewiesenes Kind. Und schenkt uns damit einen neuen Anfang, den wir jeder für uns ergreifen können, und den wir auch miteinander ergreifen können, immer wieder neu.

Wenn Gott in diesem kleinen Kind erkannt werden will, wenn er so den Neuanfang wagt, dann kann auch bei uns etwas neu werden. Dann muss auch bei uns nicht alles beim Alten bleiben. Neues kann werden, auch im Miteinander, immer wieder neu. „Friede auf Erden“, im Kleinen und irgendwann auch im Großen. Und wir müssen dem nicht im Wege stehen. Nichts in uns muss dem auf Dauer entgegenstehen. „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Zerrissenes soll heil werden. Verletztes will gesunden. Tränen werden behutsam getrocknet. Irregeleitetes soll auf den richtigen Weg geführt werden. Und Gutes soll anerkannt und bestärkt werden, damit es das Miteinander befördert und damit Trennendes nicht auf ewig trennen muss.

Auch wenn die Hirten es zuerst in ihrem Erschrecken noch ganz anders wahrgenommen haben. Aber das ist die wirkliche „Klarheit des Herrn“. Das ist das, was Gott durch die Geburt dieses Kindes klar und sichtbar machen will. Mitten in der Nacht. Mitten im Nachtdunkel damals vor Bethlehem. Mitten auch in allem, was unsere Welt bisweilen so erschreckend dunkel erscheinen lässt. Und wo auch wir selbst, wenn wir ehrlich sind, bei weitem nicht als die großen Lichtgestalten dastehen.

Doch eben darum: „ Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude.“ Ihr könnt das vielleicht jetzt noch nicht sehen. Aber ihr sollt es schon einmal hören: „Freude, die allem Volke widerfahren wird.“ Auch und gerade denen, die es am nötigsten brauchen. „Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.“ Da gibt es ein Licht, das will auch in das Dunkel deines Lebens hinein scheinen. Das will auch in den Wirrwar deiner Gefühle und Gedanken Klarheit bringen. „Macht euch zum Stalle auf!“[iii]

Zu Weihnachten, im Fest der Christgeburt wird das schon einmal vorweggenommen, dies Heilbringende und Klärende für alle Welt. Der große Frieden, den Gott schenken will, den er uns allen schenken will, weil wir ihm allesamt am Herzen liegen, wir Menschen „seines Wohlgefallens“: in dieser Nacht wird das schon einmal zum Leuchten gebracht. Und das kleine Licht, das wir jetzt alle in Händen halten, das darf uns daran erinnern.

Der Weg, den Jesus dann später zu gehen hat, der wird dann erst einmal eine durchaus andere Sprache sprechen. Da gibt es zwar Menschen, die lassen sich von ihm gewinnen. Da gibt es Menschen, die versuchen, mit ihm in diesem Licht zu leben und es für sich und für ihre Mitmenschen zum Leuchten zu bringen. Es gibt aber auch die anderen, und das sind oft sogar wesentlich mehr, die lassen sich davon nicht gewinnen. Ja, die werden später alles daran setzen, dies Licht auszulöschen und diese Stimme zum Schweigen zu bringen. Von ihnen wird Jesus nach wenigen Jahren sogar zu Tode gebracht werden – auch er auf eine ausgesprochen gewalttätige Weise.

Aber damit ist sein Weg gerade nicht zu Ende. Und damit ist dies Licht des Friedens nicht ausgelöscht. Im Gegenteil: Die „Klarheit Gottes“ scheint damit erst recht auch in das tiefste Dunkel hinein. All den Menschen, die zu Opfern von Gewalt und Hass und von Unmenschlichkeit gemacht werden, heute und zu allen Zeiten, ist Jesus damit besonders nahe. Gott selbst ist durch ihn ganz unmittelbar an der Seite aller Leidenden, aller Trauernden, aller erschrockenen und angefochtenen Herzen.

Und Gott hat Jesus nicht im Tode gelassen. Auferstanden ist er, am dritten Tage. Auferstanden von den Toten. Auferstanden ins Leben bei Gott. Damit wir Frieden haben. Das heißt nicht: das Leben geht weiter, so als wäre nichts gewesen. Sondern das bedeutet: neues, verwandeltes Leben. Für alle, die ihm glauben. Für alle, die sich von ihm anregen und auf den Weg des Friedens und der Liebe rufen lassen. Für alle, die schon auf diesem Weg sind. Und auch für alle, die dafür erst noch zu gewinnen sind.

Dieses Licht hat in der Weihnachtsnacht zu leuchten begonnen. Und es leuchtet seither in unserer Welt, wie dunkel sie manchmal auch erscheinen mag, heute nicht anders als vor 2000 Jahren. Jochen Klepper besingt das in seinem Lied nüchtern und realistisch. „Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.“[iv] Und wir sollen dabei beides achtsam hören und bedenken: „Leid“ – und „Schuld“. Und wir sollen uns überdies hüten, bei dem Wort „Schuld“ sofort auf die Schuld anderer zu zeigen. Da ist immer auch und sogar zuerst das gemeint, was uns selbst schuldig sein lässt, unsere eigene Schuldverstricktheit, alles das, was wir einander, was wir uns selbst und was wir Gott schuldig bleiben.

Aber wir sind damit nicht uns selbst überlassen. Eben darum ist Gott ja in die Welt hineingekommen in dem neugeborenen Kind in der Krippe, damit auch wir uns immer wieder auf neue Anfänge einlassen können – Anfänge, die er uns schenken will, uns und auch den Menschen um uns herum, ja der ganzen Welt. So kann Klepper weiter schreiben: „doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.“ Und wir werden diese Worte am Schluss dieses Gottesdienstes gemeinsam singen und sind dann hoffentlich auch bereit, uns das Leuchten dieses Sterns gefallen zu lassen, so dass dies Licht uns mit seiner ganz eigenen „Klarheit“  in unser Leben hinein begleitet. „Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr. Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“ So wollen wir es singen. So lasst es uns zu glauben versuchen. Und so möge es sein.

Amen.

[i] „Tears in Heaven“ von Eric Clapton wurde unmittelbar vor der Predigt von der Sängerin Dana Hoffmann gesungen, an der Orgel begleitet von Jonas Sandmeier.

[ii] „Die Nacht ist vorgedrungen“. Das Weihnachtslied von Jochen Klepper 1937, EG 16 – wurde leitmotivisch über den Gottesdienst verteilt gesungen.

[iii] Zitat ebenfalls aus „Die Nacht ist vorgedrungen“, EG 16, Str. 3

[iv] EG 16, Str. 4

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