„Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden“: Unter diese Maxime hat Papst Leo seine erste Enzyklika „Magnifica humanitas. Über den Schutz des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ gestellt, die an diesem Pfingstmontag im Vatikan vorgestellt wurde. Dass der Papst dabei selbst anwesend war und sprach, ist eine Premiere und verlieh der Präsentation besondere Aufmerksamkeit.
Anne Preckel – Vatikanstadt.
Seite an Seite mit internationalen Fachleuten und den Kardinälen Parolin, Fernandez und Czerny stellte der US-amerikanische Papst in der neuen Synodenaula im Vatikan an diesem Montag, 25. Mai 2026, sein erstes universales Lehrschreiben „Magnifica humanitas“ vor. Als Zuhörer waren viele Kurienmitarbeiter gekommen, ebenso ausländische Diplomaten; außerdem waren auch Medienvertreter vor Ort.
Menschheit am Scheideweg
Künstliche Intelligenz markiere einen Scheideweg der Menschheit, machte der Pontifex in seiner Ansprache deutlich, und diesen Moment wolle die Kirche aktiv begleiten. „Magnifica humanitas“ stehe in der Tradition seines Vorgängers Leo XIII. und dessen wegweisender Sozialenzyklika „Rerum novarum“, in der der Begründer der modernen katholischen Soziallehre die damalige Industrialisierung und deren soziale Verwerfungen beschrieb. Wie damals Leo XIII. wolle auch er heute, so Leo XIV., die KI-Auswirkungen „mit gläubigen Augen, klarem Verstand, Offenheit für das Geheimnisvolle und dem Mitgefühl für die Armen betrachten“.
„Wie schon Leo XIII. fühle ich mich berufen, einen weiteren gewaltigen Wandel mit gläubigen Augen, klarem Verstand, Offenheit für das Geheimnisvolle und dem Mitgefühl für die Armen und die Erde im Herzen zu betrachten.“
Chancen und Missbrauch von KI – und ungehörte Stimmen
Die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz sieht der Papst als „vielleicht noch weitreichender“ als die der Industrialisierung. KI durchdringe heute viele Lebensbereiche, beeinflusse Entscheidungen und verändere die Kriegsführung „dramatisch“, zeigte sich Leo XIV. beunruhigt. Für seine Enzyklika habe er Wissenschaftler, Ingenieure, Politiker, Eltern und Lehrer gehört, so der Papst bei der Enzyklika-Vorstellung in der Synodenaula. Dabei habe er verstanden, dass KI-Technologien „immenses Leid lindern“, aber auch „zutiefst beunruhigende“ Folgen haben könnten.
Papst Leo nannte einige von ihnen: „immer autonomere Waffensysteme, die praktisch außerhalb jeglicher menschlichen Kontrolle liegen“ und „Algorithmen, die den Zugang zu Gesundheitsversorgung, Beschäftigung und Sicherheit aufgrund von Daten blockieren können, die von Vorurteilen und Ungerechtigkeit geprägt sind“. Auch verwies er auf all jene Menschen, die im Zusammenhang mit KI „keine Stimme haben, wenn Entscheidungen getroffen werden – Entscheidungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit neue Formen der Ausgrenzung und des Leidens hervorrufen werden“.
Parallele zwischen KI und Kernenergie
Vor diesem Hintergrund habe er ein „starkes Wort“ gewählt, um die gebührende Aufmerksamkeit auf KI zu lenken und an die Gewissen zu appellieren, so Leo XIV.: „Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden (…) befreit von Logiken, die sie zu einem Instrument der Herrschaft, des Ausschlusses oder des Todes machen.“ Der Papst zog an dieser Stelle eine Parallele zur Kernenergie, die bei ihrem Missbrauch als Waffe das Potential hat, de facto die Menschheit auszulöschen.
„Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden… befreit von Logiken, die sie zu einem Instrument der Herrschaft, des Ausschlusses oder des Todes machen.“
Wie die Kernenergie dürfe auch KI nie ohne Gewissen genutzt werden: „Wie die Kernenergie muss sie im Dienst aller und des Gemeinwohls stehen. Entscheidungen über Technologie dürfen niemals von Gewissen und Verantwortung getrennt werden.“ Wachsamkeit sei hier geboten, schärfte der Papst ein, denn KI bringe den Frieden auch in Gefahr, weil sie Auswirkungen auf das menschliche Urteilsvermögen habe. „Frieden, nicht bloß die Abwesenheit von Krieg, ist gelebte Gerechtigkeit. Doch wenn Technologie unser kritisches Urteilsvermögen schwächt, ist der Frieden selbst in Gefahr.“ Jede große technische Macht brauche angemessene moralische Urteilsfähigkeit und öffentliche Kontrolle, erinnerte Leo XIV. Deshalb brauche es auch bei der KI, ähnlich wie bei Atomwaffen, Abrüstung.
„Baustelle der Geschichte“ – was wollen wir aufbauen?
Neben „Abrüstung“ gehe es zugleich um Aufbau, fuhr der Papst fort. Und er entwarf die Vision einer Künstlichen Intelligenz, die dem menschlichen Leben in einer ganzheitlichen Perspektive dient und die für Gemeinwohl, Inklusion und Gerechtigkeit eingesetzt wird. In seiner Enzyklika erinnere er an den biblischen Propheten Nehemia, der entmutigte Menschen vor den Trümmern Jerusalems versammelte, damit jeder von ihnen seinen Teil zum Wiederaufbau betragen konnte.
„Künstliche Intelligenz kann eine Baustelle der Geschichte sein, die sich am Horizont der Gemeinschaft orientiert und auf der der technische Fortschritt lernt, dem menschlichen Leben zu dienen.“
„Nehemias Wirken ist auch für unsere Zeit relevant. Künstliche Intelligenz kann eine Baustelle der Geschichte sein, die sich am Horizont der Gemeinschaft orientiert und auf der der technische Fortschritt lernt, dem menschlichen Leben zu dienen“, betonte der Papst, der zu Sorgfalt aufrief und vor Leichtfertigkeit warnte. „Jeder Baumeister soll sorgfältig überlegen, wie er baut“, zitierte er den heiligen Paulus (1 Kor 3,10). „Er fürchtet nicht die Baustelle selbst, sondern warnt davor, ohne festes Fundament zu bauen. Lasst uns Künstliche Intelligenz nicht fürchten, sondern die Frage des Menschen stets im Blick behalten. Wir dürfen mit unseren mächtigsten technischen Werkzeugen nicht leichtfertig umgehen.“
„Lasst uns Künstliche Intelligenz nicht fürchten, sondern die Frage des Menschen stets im Blick behalten. Wir dürfen mit unseren mächtigsten technischen Werkzeugen nicht leichtfertig umgehen“
Menschenwürde, Ganzheitlichkeit und Inklusion
Papst Leo betonte menschliche Würde und Ganzheitlichkeit: Wahre Entwicklung betreffe jeden Menschen und den ganzen Menschen, zitierte er Papst Paul VI.. Niemand dürfe „am Rande der digitalen Transformation“ zurückgelassen werden, und es brauche bei KI einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen. „,Ganzheitlich‘ bedeutet, dass niemand auf Produktivität, kognitive Leistung oder bloße Daten reduziert werden darf. Der Mensch trägt eine Freiheit, eine Innerlichkeit und eine Berufung zur Liebe und Anbetung in sich, die keine Maschine ersetzen oder unterdrücken kann. Nur mit einer solchen ganzheitlichen Vision kann Künstliche Intelligenz zum Wohle aller eingesetzt werden.“
„Der Mensch trägt eine Freiheit, eine Innerlichkeit und eine Berufung zur Liebe und Anbetung in sich, die keine Maschine ersetzen oder unterdrücken kann. Nur mit einer solchen ganzheitlichen Vision kann künstliche Intelligenz zum Wohle aller eingesetzt werden.“
Bei KI müsse es darum gehen, die Zukunft der Menschheit gemeinsam zu gestalten und dabei alle einzubeziehen, betonte der Papst, „Systementwickler und -nutzer, reichere und ärmere Länder, Institutionen und Einzelpersonen, Machtzentren und Peripherien“. Von der neuen Technologie sollten nicht nur „einige wenige Privilegierte“ profitieren, sondern die gesamte Menschheit, es gehe um nicht weniger als den Aufbau einer „Zivilisation der Liebe“, nutzte er einen Begriff, den auch seine Vorgänger Paul VI. und Johannes Paul II. nutzten. Die katholische Kirche könne hier einen essentiellen Beitrag leisten und wolle „in Demut und Offenheit an den Gesprächen über Künstliche Intelligenz“ teilnehmen, so Papst Leo.
Kirche kann wesentlichen Beitrag leisten
„Wir besitzen keine technischen Antworten und wollen auch nicht diejenigen ersetzen, die über Fachwissen verfügen. Doch wir bringen eine Weisheit über den Menschen mit, die unsere Zeit dringend braucht: Jeder Mensch ist einzigartig und unersetzlich, ein freies und intelligentes Wesen mit Gewissen, fähig, Gott zu suchen, einander zu dienen und für unser gemeinsames Haus Sorge zu tragen. Deshalb lade ich alle Mitglieder der Kirche und der Menschheitsfamilie ein: Lasst uns lernen, einander zuzuhören, den gegenwärtigen Herausforderungen mutig zu begegnen und gemeinsam eine menschlichere und geschwisterlichere Gesellschaft aufzubauen.“
Weitere Redner
Es sei ein „hoffnungsvolles Zeichen“ und verdeutliche zugleich den „Ernst der Lage“, dass die Kirche die Papst-Enzyklika gemeinsam mit Vertretern der KI-Branche und -Forschung vorstelle, sagte der Papst, der zu Wachsamkeit und Hoffnung aufrief. Mit ihm stellten in der Synodenaula der Kanadier Christopher Olah, Mitbegründer des US-amerikanischen KI-Unternehmens Anthropic, sowie Theologinnen von zwei Kontinenten die Enzyklika vor: Anna Rowlands aus Großbritannien und Leocadie Lushombo aus dem Kongo, die Expertinnen für katholische Soziallehre und christliche Ethik sind. Von Vatikanseite aus sprachen bei der Vorstellung am Montag Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, Glaubenspräfekt Kardinal Víctor Manuel Fernández und der Leiter der päpstlichen Entwicklungsbehörde, Kardinal Michael Czerny.
Regeln und Kontrolle
Das Schreiben mit dem Titel „Magnifica humanitas. Über den Schutz des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“, war lange erwartet worden. Leo XIV. unterzeichnete es bereits zehn Tage vor der offiziellen Vorstellung, am 15. Mai. An jenem Tag hatte im Jahr 1891. Papst Leo XIII. seine Enzyklika „Rerum novarum“ unterzeichnet.
In „Magnifica Humanitas“ fordert Papst Leo XIV. wertebasierte Regeln und gesellschaftliche Kontrolle beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Zwar sei Technik an sich nicht menschenfeindlich; sie habe zu einer erheblichen Verbesserung der Lebensbedingungen beigetragen. Zugleich habe „jede Phase des Fortschritts auch die Ambivalenz von Werkzeugen offenbart, die in der Lage sind, Schaden anzurichten, wenn sie nicht auf das Gute ausgerichtet sind“, erinnert Papst Leo mit „Magnifica Humanitas“ (2026).
Zu Beginn der Präsentation in der Synodanaula wurde an diesem Montag ein Film eingespielt, der die technische Entwicklung der Menschheit bis ins Zeitalter von KI und die Sicht der Päpste dazu Revue passieren ließ.
Quelle: (vatican news – pr)