Rede von Bundesratspräsident Reiner Haseloff zum Tag der Deutschen Einheit in Halle/Saale.

„Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,
verehrte Frau Bundeskanzlerin,
Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts,
hochgeschätzter Doyen des Diplomatischen Corps,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Ländern,
verehrte Präsidentinnen und Präsidenten der Landtage,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
Herr Bürgermeister Geier,
hohe ‎Repräsentanten der Kirchen und Religionsgemeinschaften,
liebe Einheitsbotschafterinnen und Einheitsbotschafter,
liebe Mitglieder der Bürgerdelegationen aus allen Ländern,
verehrte Gäste aus Nah und Fern!

Sehr herzlich begrüße ich Sie in der Händelstadt Halle. Ebenso herzlich willkommen heiße ich den südkoreanischen Minister für Wiedervereinigung. Sie sind ein gern gesehener Gast bei unserer Einheitsfeier

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, gemeinsam mit Ihnen den Tag der deutschen Einheit zu feiern. Das ist auch aufgrund meiner Biographie alles andere als selbstverständlich. Ich empfinde den heutigen Tag als einen großen Glücksmoment.

Fast zwei Jahrhunderte hielt die deutsche Frage Europa in Atem. Nach 1945 schien sie endgültig beantwortet. In Ost und West hatte man sich offenbar mit der Teilung abgefunden. Eine zweite Chance, so hatte es den Anschein, sollte Deutschland nicht mehr bekommen. Aus einem Provisorium war für viele ein Definitivum geworden.

Doch es kam anders. Vorboten der friedlichen Revolution waren unsere östlichen Nachbarstaaten. Ihre Bedeutung wird allerdings nicht immer angemessen gewürdigt. Die allererste Bresche in die Berliner Mauer schlugen Mitglieder der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarność. Nirgends hat sich der Freiheitswille der im Ostblock unterdrückten Völker mächtiger artikuliert als in der polnischen Freiheitsbewegung Solidarność.

Die Papstwahl 1978, der triumphale Besuch Johannes Pauls II. in seinem Heimatland ein Jahr später und seine theologisch-politischen Predigten in Warschau, Gnesen und anderen Orten begeisterten die Menschen und waren Ereignisse von größter psychologischer Bedeutung, wie auch sein Bild von einem Europa mit zwei Lungenflügeln. Auch die ungarischen Reformen waren ein Wegbereiter der friedlichen Revolution – bis hin zur Öffnung der ungarischen Grenze für DDR-Flüchtlinge in der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989.

Und natürlich entfachten Gorbatschows Wahl zum Generalsekretär der KPdSU und seine Reformpolitik die Hoffnungen der Demokratiebewegungen im Ostblock. Das vergessen wir nicht. Erinnern möchte ich als Wittenberger auch an den Kirchentag in meiner Heimatstadt 1983. Im Lutherhof wurde damals das wichtigste Symbol der DDR-Friedensbewegung geschmiedet. Die vom Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer initiierte Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“ ist weltweit beachtet worden und hat die Ereignisse des Herbstes 1989 antizipiert. Lieber Friedrich Schorlemmer, seien Sie herzlich begrüßt!

Meine Damen und Herren,

im kollektiven Gedächtnis hat sich der Fall der Mauer tief eingeprägt. Aber der 9. November 1989 wäre ohne den 9. Oktober in Leipzig, ohne den 26. Oktober in Halle und die Demonstrationen in Wittenberg, Magdeburg, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Plauen und in vielen anderen Orten der DDR undenkbar gewesen. Erst sie machten diesen Prozess unumkehrbar. Erst kam die Freiheit, dann die Einheit! Und diese Freiheit wurde auch konkret im Aussprechen des DDR-Unrechts.

Im Herbst 1989 fand keine Wende, sondern eine Revolution statt. Die friedliche Revolution war ein radikaler Systemwandel ohne Blutvergießen. Die Einheit wurde 1990 gewaltfrei durch den Freiheitswillen und die Selbstdemokratisierung einer Gesellschaft verwirklicht. Sie fand – bei allen Differenzen im Einzelnen – im Einverständnis mit den Nachbarn in Ost und West statt. Ein wiedervereinigtes Deutschland wurde nicht als Bedrohung empfunden. Adenauers Politik der Westintegration und Brandts Ostpolitik hatten Vertrauen in Europa geschaffen. Die friedliche Revolution taugt durchaus zum Gründungsmythos des vereinigten Deutschlands. Denn das Neue und Einzigartige an unserer Republik ist ihre Entstehung. Sie verdankt sich einer demokratischen Revolution. Und diese Revolution war gleichermaßen ein nationales und europäisches Ereignis. Aber bis heute prägt diese Erfolgsgeschichte zu wenig unser Selbstbewusstsein.

Natürlich verlief nicht alles optimal. Während sich für die meisten Bürgerinnen und Bürger der alten Bundesrepublik nach 1989 kaum etwas änderte, kam es in den Biografien von vielen Ostdeutschen zu nachhaltigen Veränderungen und Brüchen. Und diese wirken zum Teil bis heuten nach. Der Verlust des Arbeitsplatzes ist solch eine einschneidende biografische Zäsur. Enttäuschungen über die Soziale Marktwirtschaft und die politischen Institutionen der alten Bundesrepublik blieben nicht aus.

Darüber haben wir viel zu wenig gesprochen. Taten wir es, dann fehlte es oft an Empathie. Viele Menschen empfanden das als Entwertung ihrer Biografien und mangelnden Respekt gegenüber ihren Lebensleistungen. Natürlich gab es nach 1989 einen enormen Gewinn an Freiheit. Aber Freiheit birgt nicht nur Chancen, sondern auch Risiken und Unsicherheiten. Sie offenbart die unvermeidlichen menschlichen Untiefen und Härten einer Wettbewerbsgesellschaft. Und sie kann den einzelnen auch überfordern. Das haben wir oft verdrängt. Ich selbst habe die Enttäuschungen vieler Menschen hautnah in den 1990er Jahren als Arbeitsamtsdirektor in Wittenberg erlebt. Damals mussten wir große und ineffiziente Betriebe und Kraftwerke schließen. Von einem zum anderen Tag verloren Menschen ihren Arbeitsplatz, und wir mussten an manchen Tagen gleichzeitig mehreren Tausend Menschen ihren Antrag auf Arbeitslosengeld aushändigen. Die Angst in den Augen der Betroffenen, die um ihre Zukunft bangten, werde ich nie vergessen. Die Unterbeschäftigung, das heißt die tatsächliche Arbeitslosenquote, lag damals im Land über mehrere Jahre hinweg bei 50%.

Aber trotz allem bleibt die freiheitliche Demokratie eine große zivilisatorische Errungenschaft. Und wer die Unfreiheit selbst erlebt hat, wird die Freiheit für immer zu schätzen wissen. Die DDR war keine Kuscheldiktatur. Es gibt keinen Grund, sie nostalgisch zu verklären. Der Fall der Mauer und die knapp ein Jahr später vollzogene deutsche Einheit werden daher für die allermeisten Deutschen stets ein Tag der großen Freude bleiben und zu den glücklichsten Momenten in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zählen. Unsere Geschichte kennt nicht viele solcher großen Freiheitsmomente.

Mental und strukturell ist die Einheit noch nicht vollendet. Das neuentstandene Deutschland hat seit 1990 eine wechselvolle Geschichte erlebt: mit vielen Höhen und manchen Tiefen. Beachtliche Erfolge wurden erzielt und große Krisen mussten bewältigt werden. Auch die Herausforderungen der Gegenwart sind enorm. Es bestehen nach wie vor zum Teil große politische Unterschiede zwischen Ost und West. Das hat sich zuletzt im Wahlverhalten bei der Bundestagswahl gezeigt. Deshalb brauchen wir Projekte und Ideen, die die Menschen zusammenführen und die Nation einen. Ein starker Zusammenhalt kann auch aus den Zielen entstehen, die Bürgerinnen und Bürger eines Landes gemeinsam erreichen wollen. Keinesfalls dürfen wir uns in diesen schwierigen Zeiten gegeneinander ausspielen lassen. Wir müssen Vertrauen in die Zukunft haben. Und wir müssen die Konsequenzen und die Lehren aus beiden deutschen Diktaturen ziehen, ohne sie gleichzusetzen. Unserer Geschichte müssen wir uns vorbehaltlos und aufrichtig stellen. Wir dürfen nichts hinzufügen, aber auch nichts verschweigen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehören immer zusammen.

Wir wollen „Gemeinsam Zukunft formen“. Zu Defätismus besteht kein Anlass. Die Bilanz nach 31 Jahren deutscher Einheit fällt positiv aus: Hinter uns liegt eine enorme Aufbauleistung. Wir haben sehr viel erreicht. Und dafür danke ich auch Ihnen, verehrte Frau Bundeskanzlerin. Es war gut, dass in entscheidenden Zeiten in Deutschland und Europa 16 Jahre eine Regierungschefin in Verantwortung war, die diese ostdeutschen Erfahrungen in den Gesamtentscheidungsprozess mit einbringen konnte. Aus dem insgesamt in 31 Jahren Geleisteten können wir Kraft und Zuversicht schöpfen. Wenn es darauf ankommt, halten wir solidarisch zusammen. Das hat zuletzt die Flutkatastrophe deutlich gemacht. Und die Großraumausstellung in Halle zeigt die Vielfalt der Einheit. Besonders hinweisen möchte ich auf den Eventcube „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ am Leipziger Turm. Er präsentiert im Rahmen des Festjahres und der EinheitsEXPO jüdisches Leben in Deutschland. Und er vermittelt die eindeutige Botschaft: Jüdisches Leben gehört zu Deutschland, und wir formen gemeinsam Zukunft.

Sehr geehrte Damen und Herren,

vieles ist nach 1990 zur Normalität geworden, was lange unvorstellbar schien. Die deutsche Frage ist endgültig beantwortet: territorial als auch sicherheitspolitisch. Auch das Spannungsverhältnis von Einheit und Freiheit ist aufgelöst. Wir können heute ungehindert von Halle nach München oder von Magdeburg nach Hamburg reisen. Auf dem Weg zum Brocken werden keine Wanderer mehr aufgehalten. Nur der Naturschutz legt die Grenzen der Freiheit fest. Das alles sind für uns Selbstverständlichkeiten. Aber vor noch nicht allzu langer Zeit waren sie nicht viel mehr als Visionen. Sollte man die 329 Tage vom 9. November 1989 bis zum 3. Oktober 1990 in einem Wort zusammenfassen, so käme dafür nur „Unvorstellbar“ infrage. Ich denke, wir sind uns alle einig: Der 3. Oktober 1990 ist ein Glücksfall der deutschen Geschichte. Und diesen Glücksfall feiern wir heute gemeinsam: hier in Halle, in Sachsen-Anhalt und in ganz Deutschland, das seine zweite Chance, an die nur noch wenige glauben wollten, genutzt hat. Gehen wir diesen Weg gemeinsam weiter! Herzlichen Dank.“

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