Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat heute beschlossen, die Leitzinssätze unverändert zu belassen. Dazu eine Einschätzung von Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin):
„Die EZB befindet sich in einem klassischen
geldpolitischen Dilemma: Die Inflation steigt deutlich, vor allem bei Energie,
während sich die Konjunktur eintrübt. Die Unsicherheit ist wegen des
Iran-Kriegs enorm hoch, die Risiken einer weiter steigenden Inflation sind
erheblich. Daher ist es klug, dass die EZB nun zunächst vorsichtig agiert und
abwartet, ob es Grund zur Entwarnung gibt oder die geopolitischen Konflikte
erneut eskalieren.
Die größte Gefahr für die EZB ist eine Abkopplung der Inflationserwartungen von
der tatsächlichen Inflation. Einige Indikatoren, insbesondere bei den
Konsumentinnen und Konsumenten, deuten auf einen zu starken Anstieg der
Inflationserwartungen hin. Daher war es notwendig, dass EZB-Präsidentin Lagarde
mit ihrer Kommunikation den Weg für eine erste Zinserhöhung im Juni geebnet
hat.
Die EZB ist jedoch gut beraten, Vorsicht walten zu lassen und den Bogen bei den
Zinserhöhungen nicht zu überspannen. Die Wirtschaft im Euroraum hat sich
bereits erheblich abgeschwächt. Die Finanzierungsbedingungen haben sich
verschlechtert, sodass diese Entwicklungen bereits einen Teil des Drucks von
der Preisentwicklung nehmen. Zudem gibt es zunehmende Sorgen um die
Staatsfinanzen mancher Mitgliedsländer und deren Implikationen für
Risikoaufschläge und Finanzstabilität.“
