Steinmeier würdigt Habermas.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einer Gedenkstunde für Jürgen Habermas am 19. Juni 2026 in Frankfurt am Main.

Einer bekannten, wenn auch nicht wirklich belegten Anekdote zufolge soll an der Tür zum Saal, in dem Georg Wilhelm Friedrich Hegel in Berlin seine Vorlesungen hielt, eines Tages ein Zettel gehangen haben: „Die Vorlesung von Herrn Professor Hegel muss heute leider ausfallen, weil der Herr Professor mit dem Denken nicht fertig geworden ist.“

Ob erfunden oder wahr, die kleine Geschichte wirft ein Licht auf ein Thema, das sich bei jeder vom Denken geprägten Existenz und erst recht beim Abschied von einem großen Philosophen wie Jürgen Habermas stellt: Wann ist jemand mit dem Denken fertig geworden? Und geht das überhaupt? Ist es nicht dem Denken eigen, gar nicht fertig zu werden? Immer weiter zu gehen? Auf dem Grabstein des großen Ernst Bloch in Tübingen steht dessen Satz: „Denken heißt überschreiten.“

Das Immer-weiter-Denken zeichnet ganz sicher Jürgen Habermas aus: von seiner ersten publizistischen Auseinandersetzung mit Martin Heidegger über seine Hauptwerke wie „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ oder „Theorie des kommunikativen Handelns“, seine zahlreichen Interventionen zu politisch aktuellen Fragen bis hin zu seinem großen Alterswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“.

Ich selber habe Jürgen Habermas zum ersten Mal Ende der 1970er Jahre herum persönlich erlebt und war, wie so viele, durch die Lektüre seiner Schriften, besonders des „Strukturwandels“ beeindruckt. Und ich bin dankbar dafür, dass wir uns gerade in den vergangenen Jahren in Gesprächen und Briefwechseln austauschen konnten. Ich kann bezeugen, dass er bis in seine letzten Wochen und Monate hinein mit dem Denken nicht aufgehört hat – auch wenn er wiederholt schrieb, dass er durch die jüngsten Entwicklungen vor allem „irritiert“ sei. Gebeugt hat er sich deshalb nicht. Seine Irritation behielt bis fast zuletzt die Energie des Dagegenhaltens. Er blieb ein aufmerksamer Beobachter, ja Mit-Denker – den letzten Brief, den ich im Februar, also kurz vor seinem Tod von ihm erhielt, beendete er allerdings bereits mit dem leicht resignierten Gruß: „Ihr alter, vielleicht längst zu alt gewordener Jürgen Habermas.“

Was verdanken wir ihm? Ihm, der in seinen frühen Jahren noch bewusst den Krieg und die Diktatur erlebt hat, der, wie so viele andere aus dem staunenswerten Jahrgang 1929, wie also zum Beispiel Christian Meier, Hans Magnus Enzensberger, Christa Wolf, Ralf Dahrendorf, Peter Rühmkorf, Walter Kempowski, Michael Ende nach Krieg und Nationalsozialismus einen neuen Anfang wollte.

Sie alle waren sich einig: Das Schicksal Anne Franks, auch sie ist ja vom Jahrgang 1929, das Schicksal der Millionen entrechteter, verfolgter und ermordeter Juden in Europa sollte niemandem mehr widerfahren. „Wir sind alle Kinder des 8. Mai“, sagte Habermas 2025 – ein Hinweis, den er für meine Rede zum 80. Jahrestag des Kriegsendes gab, das Datum, das uns als Tag der Befreiung gilt. Dass wir so denken, dass wir den demokratischen Neuanfang als Befreiung begreifen, daran hatte Jürgen Habermas seinen Anteil. Und er meinte mit seinem „Wir alle“ nicht nur seine Generation, sondern auch die nachgeborenen Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik, uns alle – und er meinte den notwendigen Bruch mit autoritären Traditionen, er meinte die Verpflichtung auf das Erbe der Aufklärung und die Würde des Menschen, eine Pflicht, die wir alle tragen.

Den besonderen Beitrag des Forschens und Denkens von Jürgen Habermas auf einen Punkt zu bringen, hieße sicher, sein vielgestaltiges Werk unzulässig zu reduzieren. Aber es ist wohl nicht falsch, wenn man sagt: Ein Cantus firmus seines Wirkens ist der Versuch, eine philosophische, diskursethische Begründung unserer Demokratie zu liefern und damit der sie tragenden Überzeugungen. Dazu holte er weit aus, verband kontinentaleuropäische mit angelsächsischer Philosophie, um alle Ressourcen auszuschöpfen für eine rational begründete Politik. Und gleichzeitig ging es ihm, je länger, je mehr, um Europa – Europa als eine sich selbst auf Menschenrechte, Demokratie, Frieden und Freiheit verpflichtende Gemeinschaft, die vor allem den Nationalismus überwinden sollte, der gerade in seiner blinden Selbstbezogenheit so viel Zerstörung über unseren Kontinent gebracht hatte.

Jürgen Habermas war ein öffentlicher Intellektueller, der zwar in der Einsamkeit am Schreibtisch seine großen Werke verfasste, der aber seine Einsichten und Fragen vor dem Forum der Öffentlichkeit zur Diskussion stellte. Er steht so in einer langen Tradition, die bis zum Anfang der Philosophie – bis Sokrates – zurückreicht. Auf dem Marktplatz der athenischen Demokratie stellte der Philosoph seinen Mitbürgern kritische Fragen und wollte – im Dialog – sich selber und seine Mitbürger zu Erkenntnis und neuen Einsichten bringen.

So war Kommunikation auch nicht nur ein zentrales Thema von Jürgen Habermas, sondern durchaus in sokratischer Tradition seine eigene philosophische Praxis. Wie seine theoretischen Schriften den Zusammenhang von kommunikativem Handeln und Öffentlichkeit thematisieren und er postuliert, dass Öffentlichkeit der Prüfstein der Vernunft ist, so stellt er sich immer wieder mit seinen Thesen der öffentlichen Auseinandersetzung – mit der Erwartung von Widerspruch und Kontroverse.

Die Aufgabe des öffentlichen Diskurses ist – bei aller persönlichen Leidenschaft – nicht Austausch von unverbindlichen Meinungen oder von überkommenen oder angelernten Ansichten, sondern es ist der ernste Streit zwischen kritisch und rational geprüften, mit aller möglichen Konsequenz reflektierten Erkenntnissen. Das hat uns Jürgen Habermas gelehrt und an seinem eigenen Beispiel gezeigt. Es verlangt die Redlichkeit verantwortlichen philosophischen Denkens. Doch nicht nur Intellektuelle sind angesprochen, auch der politische Redner, und das geht mich in meiner eigenen Rolle unmittelbar an: Der öffentliche Raum eines vernünftigen Diskurses gehört zur Substanz des demokratischen Staates, der freiheitlichen Gesellschaft. Jeder von uns, der von der öffentlichen Rede Gebrauch macht, und jedes Gelingen eines öffentlichen Diskurses ist letzten Endes angewiesen darauf, dass wir einander in der redlichen Suche nach Wahrheit begegnen.

Die Redlichkeit eines solchen Denkens zeigt sich auch darin, dass Habermas mögliche Aporien in seinen Theorien nicht verschwieg, sondern sie bewusst thematisierte. Er war davon überzeugt: Die Moderne muss sich nach dem Zerfall der umfassenden Weltbilder und mit der Aufklärung sozusagen auf sich selbst gründen. In immer neuen Anläufen versuchte er, diese Selbstbegründung der Moderne argumentativ zu stärken und zu verteidigen – und wusste doch auch um einen Rest von Unbegründbarkeit in dieser Theorie der Moderne. So wie die amerikanischen Verfassungsväter ihr Kernanliegen der Freiheit und Gleichheit einfach als selbstgewiss setzten: „Wir halten diese Wahrheiten für selbstevident…“ Habermas wusste um die sozusagen vordenkerischen Voraussetzungen einer kommunikativen Ethik in der Lebenswelt der Menschen. Der Wille zum Verstehen, das Vertrauen auf die guten Intentionen des anderen, Wahrhaftigkeit, all das kann von dieser Ethik nicht ausschließlich selber erzeugt werden, sondern vieles liegt ihr voraus.

Diese Lebenswelt – auch die individuelle, familiäre, vielleicht auch religiöse – mit ihrer gerechtfertigten Autonomie muss nach Habermas geschützt werden; geschützt werden gegen Versuche, auf sie ökonomisch, politisch und gesellschaftlich zuzugreifen. Er sprach ausdrucksstark sogar von der Gefahr einer „Kolonialisierung der Lebenswelt“ durch die Systemgewalten von Geld und Macht. Auf der anderen Seite muss diese Lebenswelt sich mit ihren Voraussetzungen immer wieder selbst kritisch, im vernünftigen Diskurs, befragen und befragen lassen.

Das ist anstrengend – aber preiswerter ist wahrhaftiges Leben, ist kritisch geprüfte individuelle wie gemeinschaftliche Existenz nicht zu haben. Gerade wenn wir uns die Bedingungen bewusst machen, unter denen wir in einer modernen Gesellschaft inneren Frieden und ausgleichende Gerechtigkeit zu erreichen versuchen, sehen wir, wie schwierig das ist: Es gibt ja nicht die eine Lebenswelt, es gibt viele – und das ist für niemanden bequem. Denn die unterschiedlichen Lebenswelten treten in Spannung zueinander, und sie bestreiten sich gegenseitig ihre Geltungs- und Wahrheitsansprüche.

Wir alle sind darum zu einem Gespräch aufgerufen, einem Diskurs, der uns auf das Argument verpflichtet. Wir alle. Aber wir brauchen auch Denkerinnen und Denker, die sich – sozusagen stellvertretend für uns alle – im Dienst am Ganzen um Fragen bemühen, die viel an Wissen und Reflexion voraussetzen. Philosophie soll, so sieht es Habermas, für das jeweils gegenwärtige Gemeinwesen, in dem sie wirkt, die fundamentalen Kantischen Fragen ausbuchstabieren: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Und: Was ist der Mensch? Nicht zufällig zitiert er sie prominent noch einmal ganz zu Beginn seines Spätwerks „Auch eine Geschichte der Philosophie“.

Sich diesen Fragen wirklich zu stellen, bedeutet auch, sich Geltungsansprüchen ganz anderer Weltauffassungen und Denktraditionen zu stellen als denen, in denen man selber steht. Es bedeutet, keine Angst zu haben vor – natürlich streitbereiter – Begegnung.

Dafür steht in der Biographie von Jürgen Habermas beispielhaft sein Gespräch mit dem damaligen Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, am 19. Januar 2004 in der Katholischen Akademie in München. Es war ein besonderes Ereignis, als sich die zwei damals weltweit wohl bekanntesten lebenden deutschen Denker erstmals trafen – und nicht, um Höflichkeiten auszutauschen, sondern um sich in intellektueller Strenge wirklich über die Grundlagen des jeweiligen Denkens zu befragen – und um so klar wie möglich die Alternativen zu formulieren, die auf dem Spiel stehen.

So wie Ratzinger anerkannt hat, dass es Pathologien des Religiösen gebe, die notwendigerweise die Vernunft brauchen, um korrigiert zu werden, so hat Habermas die Legitimität religiösen Sprechens und Weltdeutens verteidigt, von deren Überschuss an Trost, an Orientierung und Zuversicht die säkulare Vernunft profitieren könne.

Ein solcher in allem Ernst geführter Dialog kann beispielhaft sein – gerade in einer Welt, in der oft so leichtfertig mit Geltungsansprüchen umgegangen wird, in der sogar überprüfbare Fakten dreist und öffentlich geleugnet werden.

Im Gespräch mit Ratzinger beharrte Habermas darauf, dass die Vernunft des Verfahrens, also die gleichberechtigte Einbeziehung sehr unterschiedlicher Standpunkte selber schon „normativ gehaltvoll“ sei, weil Fairness im Verfahren die Zustimmungsfähigkeit zum Ergebnis jedenfalls erhöht.

Am Ende seines langen denkerischen Lebens hat Habermas sich zweifelnd gefragt, „ob die Philosophie, wie wir sie kennen, noch eine Zukunft hat“, ob sie also, um an den Anfang zu erinnern, unfreiwillig doch mit dem Denken fertig geworden sei. Und zwar in dem Sinne: Ist sie noch fähig, inmitten all der Spezialisierungen ihren Beitrag zum Ganzen, also „zur rationalen Klärung unseres Welt- und Selbstverständnisses“ zu leisten?

Und so hat er das letzte Jahrzehnt seines Lebens damit zugebracht, uns in dem zweibändigen Werk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ eben diese Geschichte der Philosophie noch einmal neu zu erzählen, auch als Genealogie der langen okzidentalen Auseinandersetzung zwischen Glaube und Wissen. Er geht dann einen langen, bewundernswürdigen Weg durch alle Denkrichtungen des Westens mit ihren immer neuen Anläufen zu Aufklärung und Emanzipation. Philosophie begriff Habermas gerade in diesem Alterswerk als die legitime Erbin religiöser Überzeugungen und Praktiken – wobei solche gelebten Überzeugungen und Praktiken sich durch das Beerben nicht einfach erledigt haben würden.

Das Ganze steht, wie ausdrücklich der Band 2 auch heißt, unter der Überschrift „Vernünftige Freiheit“. Ein Versprechen und eine Verpflichtung.

Wir alle, die wir in seinen letzten Lebensjahren Gelegenheit hatten, uns mit Jürgen Habermas auszutauschen, haben gespürt, wie er mit den politischen Entwicklungen in Europa und in den USA haderte. Die Zweifel an der Zukunft des unabgeschlossenen Projekts der Moderne bedrückten ihn. Wir Lebenden sind es nun, die seinen warnenden Zweifel ernst nehmen und die wir zugleich unsere Kraft dafür einsetzen müssen, dass uns die Irrationalität und der Rückfall in die Gewalt nicht überwältigen.

Jürgen Habermas hinterlässt uns kein Pathos, das die Gegensätze versöhnt. Doch er erläutert mit gewinnender Klarheit: Auch in einem begrenzten Gemeinwesen mit besonderer Kultur hat das Recht des Menschen eine allgemeine, die Grenzen der eigenen Nation, des eigenen Staates überschreitende Qualität. Indem es sich nicht ethnozentrisch gegen andere abschließt, sondern sich auf universalisierbare Güter und Werte gründet, trägt es den Keim eines künftigen weltbürgerlichen Zusammenhangs in sich. So weit wir davon heute auch entfernt sein mögen, wir können diesen Horizont unseres politischen Handelns erkennen. Allen seinen Irritationen über die Entwicklung des Westens zum Trotz hat Jürgen Habermas diesen Horizont beschrieben. Und wir kennen die Richtung, in die weiterzugehen unsere Aufgabe ist.

Jürgen Habermas‘ zu gedenken bedeutet für mich, das zu schützen, zu bewahren oder neu zu erkämpfen, was das ermöglicht, worum es ihm ging, wofür er gelebt und gelehrt, geforscht und gestritten hat: wahrhaftiges Gespräch, reflektiertes Handeln, vernünftige Freiheit.

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