Rede von Außenminister Johann Wadephul zum Tag des Peacekeepings.
12.06.2026.
„Wie gut es wäre…“
Moin und herzlich willkommen im Auswärtigen Amt!
Lieber Christoph de Vries
meine sehr verehrten Damen und Herren,
und vor allen Dingen: liebe Peacekeeper!
„Wie gut es wäre, wenn das Leid verschwindet,
wie gut es wäre, ohne einen Krieg,
wie gut es wäre, wären Wünsche echt,
wie gut es wäre, aber wird es nicht.“
Vielleicht haben Sie diese Worte heute bereits gelesen.
Sie stehen auf einer der Tafeln der Ausstellung im Foyer und wurden von einem jungen Ukrainer verfasst.
Im Rahmen des „Poetry Projects“ suchen und finden junge Menschen mit Fluchtgeschichte Worte, um ihre Erfahrungen in Gedichten auszudrücken.
Einige der Autoren sind heute bei uns.
Seit 2016 entstanden tausende Texte.
Jeder einzelne enthält die Geschichte einer individuellen Erfahrung der Entwurzelung, des Aufbruchs und des Lebens in der Fremde.
Oft sind diese Geschichten geprägt durch Krieg, durch Schmerz und Tod.
Meine Damen und Herren, wir haben uns entschlossen, beim diesjährigen Tag des Peacekeepings ausgewählte Texte dieses Projekts zu zeigen.
Denn die Worte gewähren uns nicht nur Einblicke in die Erlebnisse und Gefühlswelt der Autoren.
Sie zeigen uns vielmehr, in welcher Realität unser außenpolitisches Handeln zur Wirkung kommt.
Und wenn ich von „außenpolitischem Handeln“ spreche, dann ist das vielleicht etwas abstrakt.
Greifbar wird es, wenn wir am heutigen Tag des Peacekeepings die Menschen würdigen, die unserem außenpolitischen Handeln ein Gesicht verleihen.
Das tun Sie ganz unterschiedlich, als Soldatinnen und Soldaten, als Polizistinnen und Polizisten, als zivile Beraterinnen und Berater.
Zivile und militärische Expertise, Hand in Hand.
Liebe Preisträgerinnen und Preisträger, Sie arbeiten an den unterschiedlichsten Orten der Welt für ein gemeinsames Ziel: den Frieden.
Ein Zustand, der den Regionen, in denen Sie tätig sind, oftmals fern ist.
Wir müssen uns aber gar nicht weltweit umschauen, um zu sehen, dass Frieden und Sicherheit keine Selbstverständlichkeiten sind.
Wir sehen seit über vier Jahren den völkerrechtswidrigen Krieg Russlands gegen die Ukraine.
Ein Krieg, der erbarmungslos durch das Putin-Regime gegen die Menschen der Ukraine geführt wird.
Sie setzen sich, auch das seit über vier Jahren, heldenhaft zur Wehr.
Und verteidigen ihre und unsere Sicherheit.
Sie verteidigen Europa.
Gerade die jüngsten Drohungen Russlands gegenüber Lettland zeigen das mit aller Deutlichkeit.
Drohungen, die durch den russischen Vertreter im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ausgesprochen wurden.
Ausgerechnet in dem Gremium, in dem die Staaten gemeinsam durch Diplomatie um Frieden ringen sollten, droht Russland unverhohlen einem NATO-Verbündeten mit Gewalt.
Ich möchte es ganz klar sagen: Durch so ein Verhalten wird die Funktion des Sicherheitsrats ad absurdum geführt!
Meine Damen und Herren, sie wissen wir hätten uns gerne auch als nicht-ständiges Mitglied diesem Gebaren im Sicherheitsrat entgegengestellt.
Sie wissen auch: wir waren in diesem intensiven Wettbewerb leider nicht erfolgreich.
Dass Deutschland nicht gewählt wurde, ist bedauerlich.
Für uns, aber auch für die Vereinten Nationen.
Natürlich sind wir mit Österreich und Portugal innerhalb der Europäischen Union auf das engste verbunden und werden uns eng abstimmen – für eine starke und entschiedene europäische Stimme im VN-Sicherheitsrat.
Auch außerhalb des Sicherheitsrats haben wir eine starke Stimme und Einfluss.
Und dieses Gewicht werden wir auch weiterhin einsetzen, um einen echten Beitrag dazu zu leisten, Krisen zu bewältigen, Konflikte zu lösen und Kriege zu beenden.
Denn das sind die Herausforderungen, denen wir uns widmen müssen.
In denen tatkräftiges Handeln gefordert ist.
Sie, unsere Peacekeeper, tun das!
Sie stehen in verschiedenen internationalen Organisationen und ganz unterschiedlichen Missionen und Einsätzen für Frieden und Sicherheit ein.
Und es ist Ihre Expertise, mit der Sie vor Ort einen Unterschied machen.
Vor Ort, das sind Staaten wie Kosovo, wo wir nicht nur seit über 20 Jahren einen NATO-Einsatz haben und mit deutschen Soldatinnen und Soldaten präsent sind.
Hier leisten auch unsere zivilen Peacekeeper als Berater, als Staatsanwälte und Forensiker einen Beitrag zur Stabilität der Region:
Es sind Feldbüros der OSZE auf dem Westbalkan.
Eine Blauhelmmission in Südsudan.
EU- und NATO-Missionen in Irak.
GSVP-Grenzbeobachtungsmissionen in Armenien und Georgien.
Unterstützung der Republik Moldau bei der Abwehr russischer hybrider Bedrohungen.
Und viele weitere Beiträge, in denen Sie, die deutschen Peacekeeper, Ihre Expertise einbringen.
Oft unter widrigsten Umständen und teils unter Einsatz Ihres eigenen Lebens.
Und die Erfahrungen, die Sie dort sammeln, das Wissen, das Sie sich dort aneignen, das bringen Sie auch wieder mit zurück nach Deutschland.
In die verschiedenen Institutionen, in denen Sie tätig sind.
Und sie können dort wichtige Impulse zur Verbesserung unserer Arbeit leisten.
Unser Land profitiert damit in mehrfacher Hinsicht von ihrem Einsatz.
Denn die zunehmende Verknüpfung der innen- und außenpolitischen Herausforderungen erfordert einen immer umfangreicheren Erfahrungshorizont.
Ihr Beitrag wirkt nachhaltig.
Im Ausland, und hier zuhause.
Das stärkt auch die Wehrhaftigkeit unseres Landes.
Denn wir sehen in Ländern wie der Ukraine, dass Wehrhaftigkeit nicht nur das Militär betrifft.
Sondern, dass eine Gesellschaft uns alle braucht, um wehrhaft, um resilient zu werden.
„Wie gut es wäre, aber wird es nicht“, zitierte ich zu Beginn.
Meine Damen und Herren, diese Worte stehen für sich.
Sie sind für mich aber kein abschließendes Urteil.
Ich sehe sie als Aufforderung an uns alle.
Denn dann wird es vielleicht eines Tages heißen:
„Wie gut es ist…“
Dafür will ich mich einsetzen und danke jedem, der mich, der uns darin unterstützt.
Aber insbesondere Ihnen, unseren Peacekeepern.
Als Ausdruck dieses Danks möchte ich jetzt drei Personen stellvertretend für alle über das Zentrum für Internationale Friedenseinsätze entsandten zivilen Expertinnen und Experten auszeichnen.
Und ich würde gerne mit Ihnen, liebe Frau Albermann, beginnen.
Liebe Frau Albermann,
seit 2024 leisten Sie beim NATO-Verbindungsbüro in der Republik Moldau einen wertvollen Beitrag zu Frieden und Sicherheit in Europa.
Als Expertin für Außen- und Sicherheitspolitik setzen Sie sich mit großer Professionalität für strategische Kommunikation, den Umgang mit Desinformation und die Stärkung gesamtgesellschaftlicher Resilienz ein.
Mit Ihrer Erfahrung aus dem NATO-Hauptquartier in Brüssel und der EU-Delegation in den USA bringen Sie wertvolle Expertise in eine Region, in der sie dringend gebraucht wird.
Sie stärken die demokratische Widerstandskraft Moldaus.
Besonders prägend war für Sie die Begleitung der Parlamentswahl.
Sie haben beschrieben, wie Ihnen dort erneut bewusst geworden ist, was für eine wichtige Errungenschaft die EU ist.
Ich kann sagen: Diese Erfahrung, diesen Perspektivwechsel, den kenne ich von meinen Besuchen des Landes.
Mit großem persönlichem Einsatz haben Sie Vertrauen aufgebaut, bringen Menschen zusammen und stärken so die Partnerschaft mit dem Land.
Wichtig ist gerade im Ausland die Verbindung nach Hause.
Es ist schön zu sehen, dass heute diesen Moment mit Ihrer Familie teilen.
Liebe Frau Albermann,
in einer Zeit, in der Desinformation gezielt zur Destabilisierung von Demokratien eingesetzt wird und unsere Gesellschaften in Europa vor großen Herausforderungen stehen, ist Ihr Einsatz von besonderer Bedeutung.
Es ist mir eine große Freude, Ihnen heute diese Auszeichnung zu überreichen.
Herzlichen Glückwunsch!
Lieber Herr Hofmann,
seit 25 Jahren stellen Sie Ihr Wissen, Ihre Erfahrung und Ihr Engagement in den Dienst von Frieden und Sicherheit.
Heute darf ich Ihnen dafür meinen Dank aussprechen.
Seit 2025 sind Sie Sicherheitschef bei der EU-Mission in Rafah.
Ihre Arbeit baut auf einem außergewöhnlichen Erfahrungsschatz auf.
Dazu zählen Einsätze im Rahmen der OSZE, bei EUPOL COPPS und bei EULEX im Kosovo.
Sie verantworten die Sicherheit des Missionspersonals und schaffen dadurch in einem kritischen Umfeld die Voraussetzung dafür, dass die Mission überhaupt agieren kann.
Ihr Beispiel verdeutlicht den unverzichtbaren Wert ziviler Expertise bei der Friedenssicherung.
So haben Sie maßgeblich zur Wiedereröffnung des Grenzübergangs in Rafah beigetragen.
Dazu, dass die Menschen in Gaza Zugang zu medizinischer Behandlung erhalten.
Ich kann mir vorstellen, dass diese Aufgabe eine der schwersten Ihrer Laufbahn war und ist.
Doch auch nach 25 Jahren ist Ihre Motivation ungebrochen.
Die Vielfalt der Aufgaben, die unterschiedlichen Herausforderungen und die Wertschätzung, die Sie bei Ihrer Arbeit erfahren, treiben Sie immer wieder aufs Neue an.
Kein Einsatz gleicht dem anderen, haben Sie gesagt.
Umso wichtiger sind die Menschen, die Ihnen über viele Jahre hinweg Halt geben. Dazu gehört Ihre Partnerin, die Sie seit langem auf Ihrem Weg begleitet.
Lieber Herr Hofmann,
Ihr Einsatz steht für Erfahrung, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen.
Mit großer Wertschätzung darf ich Ihnen nun diese Auszeichnung überreichen.
Herzlichen Glückwunsch!
Lieber Herr Körner,
seit 2023 unterstützen Sie in der EU-Beratungsmission EUAM die Ukraine bei der Verfolgung internationaler Verbrechen im laufenden Kriegsgeschehen.
Die Arbeit der ukrainischen Behörden setzt dabei weltweit neue Maßstäbe.
Dies, sowie Ihre 12-jährige Tätigkeit am internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zuvor, hat Sie zu einem überzeugten Verfechter des Völkerrechts gemacht.
Und seit letztem Jahr haben Sie die Leitung der Legal Unit der Mission übernommen.
Wo Recht täglich gebrochen wird, da braucht es Menschen, die es verteidigen.
Sie, Herr Körner, engagieren sich mit hoher Fachkenntnis und persönlichem Mut in einem Umfeld von Krieg, Unsicherheit und grausamsten Verbrechen.
Ich selbst war dieses Jahr zum vierten Jahrestag des Massakers von Butscha in der Ukraine.
Dort konnte ich die deutsche, übrigens auch personelle, Beteiligung an einem Sondertribunal zur Aufarbeitung der russischen Verbrechen ankündigen.
Das knüpft auch an Ihre wichtige Arbeit an.
Trotz aller Herausforderungen verlieren Sie nie den festen Glauben an die Bedeutung Ihrer Arbeit.
Wenn Sie darüber berichten, sprechen Sie über die beeindruckende Stärke der Zivilgesellschaft und über diejenigen, die unter schwierigsten Umständen an Recht und Gerechtigkeit festhalten.
Fern von zu Hause bildet die Verbundenheit zu Ihrer Familie ein wichtiges Fundament.
Schön, dass Sie die nächsten Tage hier in Berlin mit Ihren Eltern verbringen können, die wir ebenso hier herzlich willkommen heißen
Ihr Einsatz zeigt, dass hinter den großen Begriffen Recht, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit am Ende immer Menschen und Namen stehen.
Für Ihr Engagement überreiche ich Ihnen nun diese Auszeichnung. Herzlichen Glückwunsch!
