Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Verleihung des „Hambacher Freiheitspreises 1832“ an Adam Bodnar am 29. Mai 2026 in Neustadt an der Weinstraße.
„Und es wird kommen der Tag, […], wo der Deutsche […] den Bruder im Bruder umarmt […]; wo jeder Stamm, im Innern frei und selbstständig, zu bürgerlicher Freiheit sich entwickelt, und ein starkes, selbstgewobenes Bruderband alle umschließt zu politischer Einheit und Kraft; wo die deutsche Flagge […] allen freien Völkern den Bruderkuß bringt.“
Es waren große Hoffnungen, die Philipp Jakob Siebenpfeiffer 1832 in seiner Rede auf dem Hambacher Fest formulierte: Hoffnungen auf die Einheit der Deutschen in Freiheit und auf Völkerverständigung in Europa. Wie damals wehen auch heute vor diesem Haus drei Nationalflaggen – Sie haben sie auf Ihrem Weg zum Schloss gesehen, meine Damen und Herren. Das deutsche Schwarz-Rot-Gold gibt der französischen Trikolore und der Flagge Polens den „Bruderkuß“. Wer also könnte heute ein besserer Preisträger sein als ein leidenschaftlicher Kämpfer für Demokratie und Rechtsstaat aus Polen?
Lieber Adam Bodnar, es ist mir eine große Freude, Sie heute als Träger des Hambacher Freiheitspreises zu ehren. Sie sind ein Mensch, der die Werte der damaligen Freiheitskämpfer lebt, und Sie vertreten das Land, das Deutschland mit seinem Freiheitsdrang, seiner Demokratiebewegung gleich zweimal voranging und zum Vorbild wurde: 1832 und 1989. Ganz herzlichen Glückwunsch zu dieser Auszeichnung!
Ich erinnere mich gut daran, wie wir uns kennengelernt haben, verehrter Herr Bodnar. Bei meinem Besuch in Polen im Jahr 2018 kamen wir in Warschau im kleinen Kreis zusammen, und wir sprachen damals mit weiteren Vertreterinnen und Vertretern der Zivilgesellschaft über Rechtsstaatlichkeit, über Bedrohungen der Demokratie, über autoritäre Tendenzen in Europa. All diese Themen prägen Ihre Arbeit, lieber Herr Bodnar, ja, sie prägen Ihr Leben – das wird schon deutlich, wenn ich nur einige Ihrer beruflichen Stationen Revue passieren lasse: Helsinki-Stiftung für Menschenrechte, Europäische Grundrechte-Agentur, Europäisches Institut für Gleichstellungsfragen, VN-Fonds für Folteropfer, Ombudsmann für Bürgerrechte, Justizminister im Kabinett Tusk. Und seit Kurzem: Professor für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in Warschau.
All das zeigt, wofür Ihr Herz schlägt: Sie setzen sich ein für Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für die deutsch-polnische und die europäische Verständigung, und das seit Jahrzehnten. Ihr Kampf gegen Diskriminierung, Rassismus und Intoleranz verdient Respekt und Bewunderung. Insbesondere als polnischer Beauftragter für Bürgerrechte machten Sie sich einen Namen – vor allem mit Ihren Klagen gegen die umstrittene Justizreform 2015 und den Mut, den es dazu brauchte.
Lieber Adam Bodnar, schon vor vielen Jahren haben Sie davor gewarnt, dass autoritäre Regierungen die Unabhängigkeit der demokratischen Institutionen diskreditieren und sie beseitigen wollen. Und Sie hatten Recht! Heute sehen wir diese autoritären Tendenzen in vielen Teilen der Welt. Genau die Institutionen, die unabhängig von den Regierenden sind und deren Macht kontrollieren sollen, diese Institutionen werden in vielen Ländern gering geschätzt und attackiert: die Presse, die Kultur, die unabhängige Justiz, vor allem die Verfassungsgerichtsbarkeit.
Aber, und das ist mir und Ihnen wichtig, in einer Demokratie sind die Bürgerinnen und Bürger solchen Entwicklungen nicht machtlos ausgeliefert. Autoritäre Tendenzen sind eben kein Schicksal, dem wir nicht entrinnen können. Im Gegenteil, wir alle haben die Wahl und können mit unserer Stimme entscheiden. Auch wenn in dieser krisengeschüttelten Welt wenig Anlass zu Optimismus besteht: Dass Menschen für die Demokratie und gegen die Autokratie ihre Stimme erheben, das haben wir jüngst in Ungarn gesehen.
Lieber Herr Bodnar, immer wieder weisen Sie darauf hin, wie existentiell wichtig in einer Demokratie die Pressefreiheit ist. Fehlt eine unabhängige Berichterstattung, sind auch freie Wahlen im Grunde nicht möglich. „Finance your friends, and silence your enemies“, so haben Sie die Strategie der Autokraten einmal beschrieben. Wenn unabhängige Medien mundtot gemacht werden, wenn der öffentliche Rundfunk von der Regierung unter Kontrolle gebracht oder ausgeblutet wird, wenn Tageszeitungen gezielt aufgekauft werden, um sie zu schwächen, dann ist die Pressefreiheit in Gefahr.
Mit Ihrem Kampf für die Pressefreiheit stehen Sie, lieber Herr Bodnar, in der Tradition der liberalen Wegbereiter der Demokratie im frühen 19. Jahrhundert. Hier in der Pfalz gründete sich 1832 der „Deutsche Vaterlands- und Preßverein“. Journale, Zeitungen und Flugblätter spielten damals eine entscheidende Rolle, um liberale Ideen – übrigens auch die Einladung zum Hambacher Fest – zu verbreiten. Die Sehnsucht nach politischer Veränderung war überall in Europa zu spüren: In Frankreich, in Griechenland, im heutigen Belgien – überall erkämpften sich die Bürger neue Freiheiten. „Europäischer Völkerfrühling“ hat der gerade mit dem Ludwig-Börne-Preis ausgezeichnete Christopher Clark diese grenzüberschreitende Periode des Aufbruchs und der Zuversicht genannt.
Und gerade die Deutschen blickten damals nach Polen, voller Bewunderung und Begeisterung. Zwar wurde der Aufstand von 1830 gegen das russische Zarenreich dort niedergeschlagen, aber der Funke hatte gezündet. Viele Aufständische mussten ins Exil gehen und kamen dabei auch durch deutsche Lande. Hier entstanden Polenvereine, hier wurden Spenden gesammelt, hier auf dem Hambacher Fest wehte auch die polnische Fahne. Das waren nicht nur Zeichen der Solidarität. Der Freiheitskampf der Polen trug auch zur Politisierung des deutschen Bürgertums bei.
Es ist dieses Streben nach persönlicher Freiheit und demokratischer Selbstbestimmung, das die Menschen immer wieder, zu allen Zeiten und über alle Grenzen hinweg in Europa vereint hat.
Gerade wir Deutsche sollten nie vergessen: Die Friedliche Revolution 1989 in der DDR ist nicht zu denken ohne den Freiheitskampf unserer östlichen Nachbarn. In Polen hatten die Menschen bereits seit Jahren gekämpft gegen die Diktatur, gegen die sowjetische Hegemonie, gegen Unfreiheit und Unterdrückung. Massenproteste, Streiks, die Gründung von Solidarno¶ć und des Runden Tisches – die Demokratisierung war nicht mehr aufzuhalten, und dieser Funke sprang auch nach Deutschland über. Dass wir heute in einem vereinten und freien Deutschland leben, ist auch das Verdienst der Mutigen in Danzig, in Posen, in Warschau und vielen anderen Orten Polens!
Doch bei aller Freude über diese Sternstunden der Demokratiegeschichte wissen wir alle nur zu gut, wie hart gerade in Deutschland um die Demokratie gerungen werden musste, wie nach dem Scheitern der ersten deutschen Demokratie die menschenverachtende nationalsozialistische Diktatur ihre Gewaltherrschaft errichtet hat. Dass es nie wieder zu Menschheitsverbrechen wie in der NS-Zeit kommen darf, dieses Versprechen gehört ebenso zu unserer deutschen Identität wie die Erinnerung an die mutigen Reformer und demokratischen Vordenker in unserer Geschichte. Und ebenso vergessen wir nicht das unendliche Leid, das Nazi-Deutschland über Polen gebracht hat. Mit großer Dankbarkeit blicken wir deshalb nicht nur auf die Freiheitsgeschichte Polens, die so viel Einfluss auf Deutschland hatte, sondern vor allem auf die Versöhnung, die Polen uns geschenkt hat. Für dieses Geschenk können wir nicht dankbar genug sein. Und wir sollten in unseren beiden Ländern die Verantwortung spüren, dass wir hinter den erreichten Stand der Versöhnung nicht zurückfallen dürfen.
Für uns Deutsche bleibt es eine Mahnung für Gegenwart und Zukunft, dass wir die dunklen Seiten unserer Geschichte nicht verdrängen. Wie wir genauso an das erinnern, was gelungen ist – nicht als Selbstzweck, sondern als Auftrag für Gegenwart und Zukunft. Deshalb ist mir die Erinnerung an die deutsche Demokratiegeschichte und an ihre Wegbereiter ein so großes Anliegen – und dazu gehört auch die Erinnerung und die Pflege der Orte, an denen sich ihr Wirken zeigte.
In den vergangenen Jahren hat sich in dieser Hinsicht viel getan: Es gibt jetzt die Bundesstiftung „Orte der deutschen Demokratiegeschichte“; in Frankfurt soll die Paulskirche um ein „Haus der Demokratie“ ergänzt werden, und am 18. März haben wir in ganz Deutschland zum ersten Mal den Tag der Demokratiegeschichte begangen. Auch das Hambacher Schloss ist Teil dieser Entwicklung, und darüber freue ich mich sehr. Das Land und der Bund haben ihr finanzielles Engagement deutlich erhöht. Es gibt jetzt immer mehr Angebote zur Demokratiegeschichte für junge Leute, für Schulen. Und wenn der Bund künftig in die Stiftung Hambacher Schloss eintreten will und sich noch stärker finanziell engagiert, dann sage ich: Das ist ein richtiger und wichtiger Schritt. Mein großer Dank gilt allen, die sich für diesen Ort einsetzen und seine Geschichte erzählen.
Und noch etwas ist mir wichtig: Das Hambacher Schloss und Schwarz-Rot-Gold stehen für Freiheit, Demokratie und Völkerverständigung. Ich danke deshalb auch allen, die diesen Ort und unsere Fahne gegen jene verteidigen, die sie heute für neuen Nationalismus und autoritäres Denken missbrauchen wollen. Schwarz-Rot-Gold – das sind die Farben der Demokratie und die lassen wir uns nicht nehmen von denen, die die Demokratie verachten.
Es hat lange gedauert, bis die Ideale des Hambacher Festes Wirklichkeit geworden sind. Die Erringung von Freiheit und Demokratie in Deutschland ist keine geradlinige Erfolgsgeschichte. Sie war voller Rückschläge, immer und immer wieder. Es brauchte, nein: Es braucht einen langen Atem und viel Ausdauer im Kampf für die Demokratie. Und es braucht gerade heute, in einer Zeit, in der die Demokratie so angefochten ist, Menschen, die sich nicht entmutigen lassen, Menschen mit Zuversicht, mit Mut und der Entschlossenheit zum Handeln.
Sie, lieber Herr Bodnar, sind solch ein Mensch. Sie ergreifen immer wieder Partei für die Menschenwürde, den Rechtsstaat, die Freiheit – beharrlich und entschlossen. Allen Widerständen zum Trotz. Damit sind Sie uns Deutschen ein Vorbild.
Ich gratuliere Ihnen von Herzen zum Hambacher Freiheitspreis!
