Die Europäische Zentralbank (EZB) hat in ihrer heutigen Ratssitzung den Leitzins unverändert gelassen. Dazu eine Einschätzung von Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin):
„Die Europäische Zentralbank (EZB) steckt derzeit in
einem Dilemma: Die schwache Wirtschaft im Euroraum könnte die Inflation zu
stark drücken, während geopolitische und geoökonomische Konflikte den
gegenteiligen Effekt haben und die Inflation wieder anheizen könnten. Auch wenn
die EZB ihre Leitzinsen erneut unverändert lässt, muss sie jetzt signalisieren,
dass sie flexibel bleibt.
Momentan liegt die Inflationsrate unter dem EZB-Ziel der Preisstabilität. Die
anhaltende wirtschaftliche Schwäche im Euroraum – besonders in Deutschland –
könnte in diesem Jahr zu weiter fallenden Inflationsraten und einem klaren
Verfehlen des Inflationsziels führen. Eine Aufwertung des Euro würde diesen
Trend noch verstärken und vor allem deutschen Exporteuren zusätzlich schaden.
Gleichzeitig könnten Strafzölle und steigende Energiepreise infolge
geopolitischer Spannungen die Preise wieder deutlich steigen lassen.
Die EZB muss daher sorgfältig zwischen langfristigen strukturellen Problemen
und kurzfristigen konjunkturellen Schwankungen unterscheiden. Es zeichnet sich
ab, dass die strukturellen Schwächen der europäischen Wirtschaft noch länger
bestehen bleiben werden.
Daher sollte die EZB klar kommunizieren, dass sie gewillt und fähig ist,
schnell und flexibel zu handeln. Ich gehe davon aus, dass der nächste
Zinsschritt noch in diesem Jahr eine weitere Senkung des Leitzinses sein wird.“
