Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat heute beschlossen, den Leitzins um 25 Basispunkte anzuheben. Dazu eine Einschätzung von Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin):
„Die EZB handelt richtig, wenn sie die Zinsen erhöht. Der
starke Anstieg der Inflation infolge des Iran-Kriegs und der höheren
Energiepreise zwingt sie zum Handeln. Auch wenn die EZB die Ursache dieses
Preisschubs nicht bekämpfen kann, muss sie verhindern, dass die
Inflationserwartungen von Unternehmen, Gewerkschaften und Finanzmärkten
steigen. Es geht um das höchste Gut der EZB: ihre Glaubwürdigkeit.
Gleichzeitig ist diese Entscheidung mit erheblichen Risiken verbunden. Die
Wirtschaft im Euroraum ist schwach, die deutsche Wirtschaft besonders
verwundbar. Höhere Zinsen können Investitionen bremsen, Unternehmen zusätzlich
belasten und das Rezessionsrisiko erhöhen. Die EZB befindet sich damit in einem
echten Dilemma: Ihr Mandat verlangt Preisstabilität, die Konjunktur würde aber
eher Entlastung brauchen.
Deshalb sollte die EZB vorsichtig vorgehen, sich nicht auf einen Zinspfad
festlegen und sich alle Optionen offenhalten. Niemand weiß, wie lange der
Iran-Krieg andauert, wie stark Energiepreise und Lieferketten belastet werden
und wie die US-Notenbank reagiert. Flexibilität ist jetzt entscheidend.“
