„Großes entsteht immer im Kleinen“.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einer Informations- und Begegnungsreise mit dem Diplomatischen Korps am 3. Juni 2026 im saarländischen Völklingen.

2.569 Quadratkilometer – unter dieser Flächenangabe können sich wohl die wenigsten etwas vorstellen. Ganz anders sieht es allerdings aus, wenn man jemanden in Deutschland sagen hört: „ungefähr so groß wie das Saarland“. Ein Gletscher am Nordpol? Halb so groß wie das Saarland. Ein Wüstengebiet in Südamerika? Fünfmal das Saarland. Das Land hat es zur bevorzugten Maßeinheit gebracht – für alles, was man sich sonst schwer vorstellen kann. Dabei setzt dieses Land selbst Maßstäbe: in der Wirtschaft, in der Forschung, in der Kultur, im Miteinander.

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin Rehlinger, herzlichen Dank für Ihre Einladung und Ihre Gastfreundschaft. Und Ihnen allen: herzlich willkommen im Saarland!

Das Saarland profitiert vom europäischen Binnenmarkt, von grenzüberschreitenden Kooperationen und setzt dabei auf Innovation und die Transformation seiner Wirtschaft. Das konnten Sie heute bereits bei Hager in Blieskastel sehen. Ein Familienunternehmen, das seine Produkte in mehr als hundert Länder exportiert und dabei zeigt, dass Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit kein Widerspruch sind, und das grenzüberschreitend mit unseren französischen Nachbarn zusammenarbeitet. Auf dem Campus der Universität des Saarlandes haben Sie Weltklasseforschung erlebt: bio-aktive Materialien, künstliche Intelligenz gegen Deepfakes, neue Wirkstoffe gegen resistente Keime – Themen, die uns alle in Zukunft noch intensiver beschäftigen werden. Und nun sind wir hier, in der Völklinger Hütte, dem einzigen vollständig erhaltenen Eisenwerk aus der Hochzeit der Industrialisierung, das zum UNESCO-Weltkulturerbe wurde und heute einer der lebendigsten Kulturorte Deutschlands ist. Vom Kohleland zum Innovationsland – diese Transformation hat das Saarland still und beharrlich vollzogen.

Neben dem Saarland als Maßeinheit gibt es noch eine weitere typisch deutsche Vergleichsgröße, um eine Fläche zu beschreiben: das Fußballfeld. Und interessanterweise lernt man ausgerechnet beim Fußball, wie außergewöhnlich doch das Saarland ist. Vor gut drei Wochen stieg die SV Elversberg erstmals in die Bundesliga auf. 13.000 Einwohner, kein Bahnhof, dafür drei Bäcker – und jetzt Erstliga-Fußball. Der kleinste Ort, der je einen Bundesligisten gestellt hat, bringt das Saarland ins Rampenlicht. Das Motto des Saarlands – „Großes entsteht immer im Kleinen“ – selten hat es besser gepasst.

Aber auch ein Blick in die ältere Fußball-Geschichte zeigt, was dieses Land ausmacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Saarland noch kein deutsches Bundesland, sondern ein eigenständiges Protektorat unter französischem Einfluss – mit eigener Verfassung, eigener Währung, eigenem Außenhandel. Und: mit einer eigenen Fußballmannschaft. Im Oktober 1953 tritt also diese Mannschaft aus dem Saarland als eigenständiges FIFA-Mitglied in der WM-Qualifikation gegen die Bundesrepublik Deutschland an. Das Saarland kämpft so erbittert, so leidenschaftlich, dass die Nationalelf ins Schwitzen gerät. Das Saarland verliert knapp. Deutschland wird 1954 Weltmeister. Und ein Jahr später stimmen die Saarländerinnen und Saarländer in einem Referendum über ihre eigene Zukunft ab, um dann 1957 offiziell der Bundesrepublik beizutreten. Ich nehme an, wohl nicht nur wegen des Fußballs, ein sehr besonderer Akt demokratischer Selbstbestimmung. Und die, die noch kurz zuvor gegen Deutschland gespielt hatten, laufen fortan für Deutschland auf.

Hier im Saarland weiß man: Man kann aus vollem Herzen für das Saarland jubeln, Deutschland die Daumen drücken und dabei gleichzeitig glühender Europäer sein. Eine Region, die Europa nicht von oben verordnet bekommen hat, sondern von Grund auf in sich trägt. An der Grenze, im Alltag, im Miteinander mit den französischen Nachbarn.

Jahrzehntelang hat dieses kleine Land die internationale Diplomatie beschäftigt. Und auch die deutsche, davon zeugen Hunderte von Akten im Archiv des Auswärtigen Amtes, die das Saarland früher als Ausland führten. Das alles liegt lange hinter uns. Heute beschäftigen uns weltweit ganz andere Dinge. Wir erleben einen doppelten Epochenbruch, für den es keine historischen Blaupausen gibt. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat mit den Grundprinzipien europäischer Sicherheit gebrochen. Gleichzeitig sind im transatlantischen Verhältnis Gewissheiten weggebrochen, auf die wir uns jahrzehntelang verlassen haben. Sicherheit, Freiheit, Wohlstand – dieser Dreiklang, den Generationen vor uns erkämpft haben, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. In dieser Lage brauchen wir, – ja, – militärische Stärke. Aber wir brauchen ebenfalls Partner, Regeln, Diplomatie und die feste Überzeugung, dass offene Gesellschaften erstrebenswerter und zugleich widerstandsfähiger sind als geschlossene.

Protektionismus ist keine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit. Er ist Teil des Problems. Das weiß man hier im Saarland besser als anderswo. Noch mehr als andere deutsche Regionen hat dieses exportabhängige Industrieland  am eigenen Leib erfahren, was passiert, wenn Märkte sich schließen, wenn Zölle steigen, wenn aus Nachbarn Rivalen werden. Die Antwort des Saarlandes war immer dieselbe: transnationale Zusammenarbeit, Offenheit, Vernetzung.

In einer Welt, in die rohe Machtpolitik zurückgekehrt ist, in der Regeln missachtet und Grenzen verschoben werden, sind wir auf eines mehr angewiesen denn je: auf Partner, die verlässlich sind. Auf Zusammenarbeit, die trägt. Auf Völkerrecht und die Souveränität jeden Landes. Auf die Überzeugung, dass man gemeinsam stärker ist als allein. Für all das steht Deutschland! Und wie immer die Abstimmung heute in den Vereinten Nationen ausgeht, diese Erfahrung wollen wir weiter einbringen in die Beziehungen zwischen unseren Staaten.

Diese Beziehungen zwischen unseren Staaten konnten wir in den vergangenen Jahren immer auch in diesem besonderen Rahmen pflegen – mit unserer gar nicht mal so kleinen Reisegruppe „Corps diplomatique meets the Bundesländer“. Viele von Ihnen waren schon einige Male auf diesen Tagesausflügen dabei, ob in Bayern, in Brandenburg, in meinem Heimatbundesland Nordrhein-Westfalen oder im vergangenen Jahr in Mecklenburg-Vorpommern. Für Ihr Interesse danke ich Ihnen. Mir persönlich hat das immer viel Freude bereitet, Ihnen unser schönes Land in seinen verschiedenen Facetten im wahrsten Sinne näher zu bringen.

„Großes entsteht immer im Kleinen“, so heißt es hier im Saarland. Und ich finde, das ist ein ganz schönes Resümee auch für unsere gemeinsame Reiseaktivität. Denn diese Begegnungsreisen sind mehr als nur ein gemeinsamer Tag – sie sind gelebter Austausch, Neugier aufeinander und schlussendlich die Erkenntnis, dass Offenheit uns alle stärker macht als Abschottung. Wo hätte man das besser sehen können, als hier. Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin – nochmals: vielen Dank für die Einladung hierher, ins Saarland – übrigens auch die Region mit der höchsten Dichte an Sterneköchen pro Kopf. In diesem Sinne, wünsche ich uns allen nun einen guten Appetit! Und: Glück auf!

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