Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an Sir Christopher Clark in der Paulskirche am 10. Mai 2026 in Frankfurt am Main.
Ich freue mich sehr, heute Morgen hier bei Ihnen zu sein, um sozusagen eine dreifache Reverenz zu erweisen:
Einmal Ludwig Börne, dem so besonderen, so eigenwilligen, so freiheitsliebenden und wortmächtigen jüdischen Sohn dieser Stadt Frankfurt. Ich bin froh, dass es seit 1993 diesen Preis mit seinem Namen gibt und dass er sich bewährt hat in seiner so besonderen Konstruktion.
Die zweite Reverenz gilt dem diesjährigen Preisträger, Christopher Clark. Ich freue mich persönlich sehr darüber, schon weil wir uns lange kennen, aber vor allem, weil ich ihn und seine Arbeit über alle Maßen schätze. Er ist nicht nur einer der besten Kenner preußischer, deutscher und europäischer Geschichte. Er hat zudem die große Begabung, darüber so verständlich wie unterhaltsam, so pointiert wie ernsthaft schreiben zu können. Er hat schon – vollkommen zu Recht – eine Anzahl wirklich bedeutender Auszeichnungen bekommen, ich nenne nur seine Mitgliedschaft im Orden pour le mérite. Aber gerade er, der große Kenner unserer deutschen Kultur und Geschichte, wird ermessen können, welche besondere Ehre es ist, mit einem Preis bedacht zu werden, der den Namen Ludwig Börnes trägt. Und Christopher Clark wird auch ermessen können, was es bedeutet, diesen Preis genau hier in Empfang nehmen zu können: in der Paulskirche, die für unsere deutsche Demokratiegeschichte eine so zentrale Bedeutung hat.
Meine dritte Reverenz gilt heute also diesem Ort: der Paulskirche. Wir brauchen nur eines der neueren Bücher Christopher Clarks aufzuschlagen, „Frühling der Revolution, Europa 1848/49 und der Kampf um eine neue Welt“, dann sehen wir, wie darin die zentrale Bedeutung ausführlich und bewegend dargestellt wird, die das erste deutsche Parlament hatte, das sich ab 1848 hier in der Paulskirche zusammengefunden hat.
Diese Paulskirche, als Ort der deutschen Demokratiegeschichte so unverwechselbar wie unersetzlich – diese Paulskirche sollte deshalb ein lebendiger Ort der Erinnerung sein an demokratische, freiheitliche Tradition und auch lebendiger Ort der gegenwärtigen Auseinandersetzung um unser demokratisches, freiheitliches Miteinander.
Für uns Deutsche gilt immer, dass wir die dunklen Seiten unserer Geschichte, die Verbrechen der Shoah, nicht verdrängen. Dass wir an sie erinnern, ist Mahnung für die Gegenwart, ist ein zentrales moralisch-ethisches Motiv für unser verantwortliches politisches Handeln.
Genauso wichtig aber ist es, immer wieder auch an das zu erinnern, was gelungen ist, was an Gutem versucht und erkämpft wurde, was als Vorbild für die Gegenwart wirksam sein kann. Und genau deshalb halte ich es für wichtig, an die Wegbereiter und Protagonistinnen von Freiheit und Demokratie zu erinnern – und damit eng zusammen hängt die Erinnerung und die Pflege der Orte, an denen sich ihr Wirken manifestierte.
So gibt es jetzt die neue Bundesstiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte– übrigens mit Sitz hier in Frankfurt; dann ist das Haus der Weimarer Republik entstanden – ein Forum für Demokratie in Weimar; und am 18. März diesen Jahres haben sich fast 300 Orte und Institutionen am ersten bundesweiten „Tag der Demokratiegeschichte“ beteiligt. So geht richtige und wichtige Erinnerung. Und wie steht es um die Paulskirche?
Die Paulskirche, dieser herausragende Ort der deutschen Demokratiegeschichte, sollte nicht unter seinen Möglichkeiten bleiben! Deshalb soll sie nicht nur bloß baulich saniert, sondern weiterentwickelt werden zu einem lebendigen, einladenden und weit ausstrahlenden Erinnerungs- und Lernort der Demokratie und für die Demokratie. Gerade für ein jüngeres Publikum kann hier ein Ort entstehen, der zum Nachdenken und zum aktiven Einsatz für die Demokratie anregt. Ein Ort, der uns informieren, aufklären und auch ermutigen kann.
Im Sommer 2020 haben wir daher im Schloss Bellevue erstmals mit Bund, Land Hessen und Stadt Frankfurt an einem Tisch gesessen. Seit diesem „Paulskirchengipfel“ gibt es über zwei Punkte einen weitgehenden politischen Konsens.
Zum einen: Die Paulskirche soll ergänzt werden um ein „Haus der Demokratie“. Ein Haus, das ein lebendiger Lern-, Erinnerungs- und Erlebnisort ist; ein Haus, das historisch-politische Bildungsarbeit und aktuelle Debatten miteinander verbindet.
Und zum anderen: Ein solches Projekt nationaler Bedeutung verlangt auch eine gemeinsame Trägerschaft, an der sich Bund, Land und Stadt beteiligen. Gut, dass darüber, wie gesagt, seit langer Zeit Einigkeit besteht.
Ich meine aber, es ist an der Zeit, endlich einen weiteren Schritt voranzugehen: Für das künftige Haus der Demokratie sollte jetzt eine gemeinsame Trägerstiftung von Bund, Land und Stadt Frankfurt geschaffen werden. Man muss sich darüber verständigen, was in diesem Haus in Zukunft geschehen soll. Daran müssen sich alle beteiligen können, die künftig Mitverantwortung tragen sollen.
Und ich finde, wir sollten jetzt endlich verbindlich werden und einen Anfang machen. Für Frankfurt, für Hessen, für ganz Deutschland gilt: Die Paulskirche ist unser gemeinsames Erbe. Sie ist auch eine gemeinsame Verpflichtung, der wir uns in Stadt, Land und Bund gemeinsam stellen sollten.
Die Deutsche Nationalversammlung, die hier in der Paulskirche tagte, die Revolution, die dieses Parlament erst möglich gemacht hatte, und die Verfassung mit den Grundrechten, die hier beschlossen wurde – all das bedeutet einen der großen Wendepunkte der deutschen Geschichte: als aus Untertanen Bürger wurden und ein Geist der Freiheit geweckt wurde, der sich – jedenfalls auf lange Sicht – nicht mehr unterdrücken ließ.
Es wird manche vielleicht überrascht haben, dass ich den heutigen Anlass für dieses entschiedene Plädoyer für die Zukunft der Paulskirche verwendet habe. Aber heute passen der Ort und der Preisträger, nämlich Sie, lieber Christopher Clark, mit Ihren Forschungen zur Revolution 1848, so glücklich zusammen wie selten.
Nehmen Sie, lieber Christopher Clark, dieses Plädoyer für die Paulskirche und die gemeinsame Verantwortung für ihre Zukunft also auch als meinen Glückwunsch zum Börne-Preis. Denn mit diesem Preis soll ja nicht nur Ihr wissenschaftliches Werk geehrt werden, sondern auch Ihr waches Bewusstsein für mögliche Lehren aus der Geschichte.
Wenn ein gebürtiger Australier und Cambridge-Gelehrter von Weltruf uns Deutsche so aufklärend wie eindringlich an Sternstunden unserer Demokratiegeschichte erinnert, dann, so meine ich, dürfen wir uns erst recht ermutigt fühlen, die Paulskirche zu einem zentralen Ort unserer Erinnerungskultur werden zu lassen.
Lieber Christopher Clark, danke und herzlichen Glückwunsch!
Fotoquelle: TP Presseagentur Berlin
