„Seit 40 Jahren nehmen wir dieses Geschenk in großer Dankbarkeit an“.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Jubiläumsausstellung „Bilder, die wir lieben – 40 Jahre Kunsthalle Emden“ am 25. April 2026  in Emden.

Es gilt das gesprochene Wort.

Der vor Kurzem verstorbene Autor und Filmemacher Alexander Kluge hat seine unerschöpfliche Geschichtensammlung „Chronik der Gefühle“ mit einem kurzen Motto überschrieben: „Menschen haben zweierlei Eigentum: ihre Lebenszeit, ihren Eigensinn.“

Davon handelt auch die Lebensgeschichte von Henri Nannen, dem Gründer, ja Schenker dieser wunderbaren Kunsthalle Emden, deren 40. Geburtstag wir heute feiern. Er hätte diesen Satz von Kluge sicher nicht nur unterschrieben: Er hat ihn gelebt.  Der vor Kurzem verstorbene Autor und Filmemacher Alexander Kluge hat seine unerschöpfliche Geschichtensammlung „Chronik der Gefühle“ mit einem kurzen Motto überschrieben: „Menschen haben zweierlei Eigentum: ihre Lebenszeit, ihren Eigensinn.“

Davon handelt auch die Lebensgeschichte von Henri Nannen, dem Gründer, ja Schenker dieser wunderbaren Kunsthalle Emden, deren 40. Geburtstag wir heute feiern. Er hätte diesen Satz von Kluge sicher nicht nur unterschrieben: Er hat ihn gelebt. 

Er hat seine Lebenszeit ausgeschöpft mit seinen journalistischen und verlegerischen Projekten, mit seinen vielfältigen Begabungen, mit seinem Mut, immer wieder Neues zu probieren – und er hat seinem Eigensinn mehr vertraut als vielen wohlgemeinten Ratschlägen. Etwa wenn er den gelegentlich widerstrebenden Redakteuren beim „Stern“ seine Entscheidungen über das, was er für die Leser interessant hielt und das ins Blatt zu nehmen sei, mit der berühmten, allerdings wenig glaubhaften Erklärung „Ich bin Lieschen Müller“ unterstrich.

Eigensinn in des Wortes bester Bedeutung war es auch, eine eigene Kunstsammlung mit seinen Lieblingsbildern öffentlich zugänglich zu machen und dazu eine Kunsthalle zu gründen.

Eigensinn – eine oft gering geschätzte oder gar missachtete Haltung, wenn jemand für sich selber nach einem erfüllenden Zugang zur Kunst sucht, und erst recht beim Bestreben, ihn auch für andere zu eröffnen. Dabei kann gerade der Eigensinn die Augen öffnen. Die eigenen und die anderer. Darin war Henri Nannen übrigens nicht allein.

Georges Pompidou etwa war auch einer von solcher Natur. Noch bevor er französischer Präsident wurde, hatte er eine repräsentative Sammlung nicht französischer Malerei, aber von französischer Lyrik herausgebracht: die „Anthologie de la poésie française“.

Wir wissen: Keine solche Sammlung von Gedichten – so wenig wie die von Gemälden – folgt objektiv unbestreitbaren Kriterien. Pompidou aber fügte dieser unvermeidlichen Subjektivität eine sehr souveräne Geste hinzu: Am Ende des Bandes versammelte er seine ganz persönlichen Lieblingsverse, Lieblingsstrophen, ja, manchmal sogar nur einzelne Zeilen, die ihm besonders zu Herzen gingen. Er gab dazu im Einzelnen keinen Kommentar, ließ diese Lieblingszeilen und -verse einfach für sich sprechen. Dadurch gab er sein Inneres öffentlich preis –eine Art Selbstoffenbarung, vor allem aber ein souveränes Bekenntnis zum Eigensinn in der Begegnung mit Kunst.

Wir können auch sagen: Es ist das Bekenntnis eines Liebhabers. Liebe wird ja immer von etwas Unverwechselbarem, nicht Austauschbarem erweckt und entzündet – und eine lange, eine vielleicht lebenslange Liebe hält an diesem Besonderen fest.

Und genau so ist auch das zustande gekommen, was wir gemeinsam heute hier in Emden bewundern und feiern: Die Sammlung, die sich ursprünglich und in der Hauptsache der Zuneigung, ja Liebe Henri Nannens verdankt. Seiner Zuneigung und Liebe nicht nur einfach zur bildenden Kunst, sondern zu ganz besonderen Malern, zu ganz besonderen Werken, zu genau diesen, die er gesammelt und ausgestellt hat. Das radikale Bekenntnis zur Subjektivität: Das ist es, dem Henri Nannen in seiner Sammlung gefolgt ist. Das, was ihn selber im Inneren anrührte. Das wollte er nicht nur bei sich und um sich haben, daran wollte er auch andere teilhaben lassen.

Und zwar nicht irgendwo, etwa in Hamburg oder einer anderen Großstadt, wo es längst schon genügend Möglichkeiten zur Begegnung mit Kunst gibt, sondern hier, im heimatlichen Emden. Henri Nannen hatte in seiner Jugend selber erfahren, wie das ist, wenn man in einer eher ländlichen Region aufwächst, sich nach Kunst sehnt und diese Kunst so weit weg ist. Kunst gehört auch in die Regionen außerhalb der Metropolen, das war seine tiefe innere Überzeugung. Und die Kunsthalle hier in Emden anzusiedeln, hat natürlich auch mit der Malschule zu tun, die Eske Nannen mit ihrem großen Engagement und Temperament bereits drei Jahre vorher hier eröffnet hatte. Darüber und über die glückliche Verbindung zwischen Kunsthalle und Malschule wird gleich noch etwas zu sehen und zu hören sein.

Seit nunmehr dreißig Jahren leitet Eske Nannen nun auch allein die Geschicke der Kunsthalle. Und genau so lange kennen wir beide uns nun. Und aus dieser langen Zeit kann ich bezeugen: Eske Nannen hat sich mit unerschöpflicher Energie, mit Herz und Verstand, für dieses Haus und auch für seine bessere Zugänglichkeit und notwendige Erweiterung engagiert. Ohne sie wäre das Haus heute nicht der große Erfolg, der es zweifellos ist. Eske Nannen ist, so dürfen wir wohl sagen, die Seele der Kunsthalle Emden. Und das sage ich im Namen des ganzen Saales, liebe Eske, in großer Dankbarkeit.

Henri Nannen selber hat einmal eine Ausstellung mit seinen besonderen Lieblingen gestaltet. Und so ist es schön und folgerichtig, wenn die heute Verantwortlichen die Ausstellung zum Gründungsjubiläum unter die Überschrift: „Bilder, die wir lieben“ gestellt haben.

Dazu gehört, natürlich, Henri Nannens besonderer Liebling Hans Trimborn, der erste Künstler, den er persönlich kennenlernte. Dazu gehört, natürlich, auch das vielleicht berühmteste Werk hier in Emden: „Die Blauen Fohlen“ von Franz Marc. Und viele andere von Emil Nolde bis Paula Modersohn-Becker, die Henri Nannen noch selber erworben hat, und solche, die im Laufe der Zeit durch großzügige Schenkungen und Stiftungen dazugekommen sind. Denken wir nur an die großartige „Schenkung Otto van de Loo“.

Ich glaube, jeder, der hier sich von Bild zu Bild leiten lässt, wird beeindruckt sein von der hohen Qualität, die hier versammelt ist. Ja, es stimmt: Henri Nannen hatte einen erkennbar eigenen Geschmack – und es gab auch Kunst, mit der er so gar nichts anfangen konnte und das auch deutlich sagte. Und so haben einige sehr bekannte Künstler, die, auch wenn sie anderswo hoch geschätzt werden, hier keinen Platz bekommen.

Was geschieht nun mit uns, wenn wir durch eine solche Privatsammlung gehen und sicher sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Werke reagieren? Denn wir selber haben ja auch bestimmte eigene Vorlieben und bekommen zu dem einen Werk einen leichteren Zugang als zu dem anderen. Es wird Ihnen auch hier so gehen: Wir sehen das eine oder das andere Bild, das uns sofort begeistert oder das wir sogar wiedererkennen. Vielleicht die immer abstrakter werdenden Gesichter von Jawlensky oder die stille und lebensfrohe Promenade von Gabriele Münter oder das in allen Farben schimmernde Kopfsteinpflaster von Karl Horst Hödicke. Vom Publikumsliebling „Norddeutsche Landschaft“ von Heiner Altmeppen gar nicht zu reden. Dann wieder sehen wir andere Bilder, die sich uns vielleicht erst auf den zweiten Blick öffnen, und die, auch wenn sie uns neu und ungewohnt sind, dann doch zu uns sprechen.

Wie gehen wir um mit Bildern, die uns auch auf den zweiten Blick nichts zu sagen haben? Ich glaube, das ist eine Frage des Vertrauens, oder mit anderen Worten: Können wir uns nicht dem Sammler, von dem uns viele Bilder spontan zu Herzen gehen und mit dem wir so eine gewisse Gemeinsamkeit erfahren, können wir uns nicht diesem Sammler auch dort anvertrauen, wo wir zunächst fremdeln?

Ich glaube, das ist die besondere Entdeckungsreise, die uns eine solche Privatsammlung ermöglichen kann. Getragen vom Vertrauen darauf, dass der, der uns solche Bilder zu sehen ermöglicht, die uns rasch nahe sind, dass er auch bei denen, die uns zunächst seltsam fremd sind, etwas gefühlt und erfahren hat, dem sich lohnt, auf die Spur zu kommen.

Und ich glaube, dass der große Erfolg der Kunsthalle Emden und der Sammlung, die Henri Nannen begonnen und deren Umfang sich bis heute nahezu vervierfacht hat, dass dieser Erfolg also nicht nur in der Wiedersehensfreude mit dem Bekannten liegt. Sondern auch in den immer neuen Entdeckungen, die so viele Menschen hier in den vergangenen vierzig Jahren haben machen können.

Der leidenschaftliche Eigensinn in der Begegnung mit Kunst, von dem ich am Anfang gesprochen habe, wird von einer literarischen Figur noch einmal auf die Spitze getrieben. Diese Figur konnte natürlich von keinem anderen erfunden werden als von Thomas Bernhard – in seinem letzten Roman: „Alte Meister“. Schon der Titel zeigt: Hier geht es um große Kunst.

Die Hauptperson, der Musikkritiker Reger, geht seit 36 Jahren jeden zweiten Tag ins Wiener Kunsthistorische Museum. Jedes Mal setzt er sich im immer demselben „Bordone“-Saal auf die immer gleiche Bank – und also immer demselben Bild gegenüber, dem „Bildnis eines Weißbärtigen Mannes“ von Tintoretto. Dieses Bild ist für ihn das einzige Kunstwerk ohne Fehler. Es ist für ihn, den jetzt 82-Jährigen, der Maßstab, mit und an dem er alles andere misst und bewertet: die Kunst, das Leben, die Politik, kurz, die Welt als Ganze und überhaupt.

Diese Figur, die wir dem großen Übertreibungskünstler Bernhard verdanken, zeigt die Bedeutung, die ein einzelnes Kunstwerk für einen Menschen haben kann, hier natürlich bis ins Groteske gesteigert.

Und doch liegt, wie in jeder Übertreibung, auch hier ein Funken Wahrheit – und auch eine kleine Verheißung: Manche Künstler, manche Bilder, manche Art, die Welt zu sehen und sie für immer auf ihre Art darzustellen, können unseren Blick auf die Welt prägen – und sie können für uns zu dem gehören, was das Leben lebenswert macht.

Lebensfreude: Henri Nannen hat sie in der Kunst für sich erfahren und gelebt – und hat diese Möglichkeit als Geschenk auch für uns hinterlassen. Seit 40 Jahren nehmen wir dieses Geschenk in großer Dankbarkeit an. Wir danken dem großen Sammler und Stifter Henri Nannen, wir danken Eske Nannen, die Malschule und Kunsthalle zu so großem Erfolg geführt hat, und wir danken den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dieses Hauses, dass Sie uns in diesem wunderbaren Raum der Kunst immer wieder überraschen und so Neugierig halten. Auch das ist ein Geschenk. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

Foto: Frank-Walter Steinmeier und Eske Nannen

Fotoquelle: TP Presseagentur Berlin

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