Ich will keinen Gerichtshof.

Interview mit dem Amsterdamer Kriminologen Herman Bianchi.

TP:

Herr Prof. Bianchi, Sie vertreten – wie Sie es selber sagten – provozierend die These, das Strafrecht sei kein Recht. Ist das nun wirklich provozierend gemeint oder steckt da doch ein großer Teil Überzeugung dahinter?

Bianchi:

Nicht nur ein großer Teil Überzeugung, sondern eine hundertprozentige Überzeugung. Das heißt, man muss natürlich erst Recht definieren, was es ist. Recht ist ein Ganzes von Regeln, um Konflikte zu vermeiden, beziehungsweise wenn sie schon vorhanden sind, sie zu regeln und zu lösen. Strafrecht löst jedoch keine Konflikte, vermeidet sie auch nicht, ganz im Gegenteil, Strafrecht ist ein repressives System, wobei Öl ins Feuer der Konflikte gegossen wird. Die Delinquenten, wenn sie in Haft gewesen sind, kommen meistens sozial desinteressierter heraus als sie hinein kamen. Es ist, als ob man Leute im Gefängnis das Schwimmen lehren will, und da wird noch gesagt, dass das Resozialisierung bedeuten soll, Rückfall sei unerhört; also Strafrecht und Gefängnis, die provozieren Kriminalität, und deshalb habe ich auch gemeint, man kann es daher auch nur (lacht) provozierend anführen. Aber es ist ja so gemeint, es ist ein repressives System und kein Recht.

TP:

Sie sagten oder stellten fest, dass es Gewalt gibt und dass die Gesellschaft vor Gewalt geschützt werden muss. Sie drückten auch eigene Angst vor Gewalt aus und erwähnten, dass ein Gefängnis genügen würde, um diese Täter zu isolieren, die tatsächlich gefährlich sind. Mit welchem Recht können diese Täter jedoch gemessen werden, wenn nicht mit diesem Strafrecht, und steht Ihre Aussage, dass das Strafrecht kein Recht sei, nicht dazu in Widerspruch?

Bianchi:

Da haben Sie natürlich insoweit recht, als meistens gesagt wird in der heutigen Rechtsphilosophie, das Strafrecht sei die Ultima Ratio, also das Letzte was man tun kann. Das ist überhaupt nicht wahr. Ich glaube, dass für die ganze Bundesrepublik ein ganz kleines Gefängnis, vielleicht für hundert oder zweihundert der sehr Gefährlichen, die wirklich den ganzen Tag töten könnten, wenn sie frei wären, ausreichen würde. Resozialisierung oder Therapie anwenden im Knast ist und bleibt für immer eine Unmöglichkeit. Das ist eine große Lüge. Ich will ehrlich sein: für diese ganz kleine Gruppe habe ich keine Lösung. Aber für alle anderen, tausende und Tausende, die jetzt im Knast sitzen, in der BRD, in allen europäischen Ländern, überall in der Welt, dafür gibt es eine andere Lösung, wenn man nur nicht am Strafrecht festhält.

TP:

In welcher Form könnten Sie sich ein Konfliktlösungsmodell vorstellen?

Bianchi:

Es ist natürlich insoweit ziemlich kompliziert, als es viele verschiedene Arten von Kriminalität gibt. Es ist natürlich am Leichtesten, sich das bei kleinerer Kriminalität vorzustellen, bei kleinem Diebstahl, kleinen Misshandlungen, Beleidigungen und so weiter, dass einfach das Gestohlene zurückgegeben wird mit eventuellem Schadensersatz, dass Schuld bekannt wird, etwas gutzumachen gegenüber den Misshandelten. Das geht ganz leicht. Natürlich, je schwerer die Kriminalität ist, je gewalttätiger, desto schwerer wird es sein, eine Lösung zu finden. Ich habe aber nicht die Aufgabe, die Lösung vorzuschreiben in allen Fällen; denn wenn ich oder ein anderer Mensch das tun würden, dann würden die Leute unmündig bleiben. Ich will keinen Gerichtshof, der die Konfliktlösungen vorschreibt, denn dann blieben die Leute unmündig. Ich muss die Lösung nicht geben, denn dann wäre ich ja ein Gerichtshof.

TP:

Haben Sie noch Hoffnung, dass die Gesellschaft in absehbarer Zeit von einem Konfliktlösungsmodell zu überzeugen ist?

Bianchi:

Ich habe dieselbe Hoffnung wie Pazifisten sie haben, wenn sie gegen das Militär kämpfen. Man kann sagen „hoffnungslos“, man kann aber auch sagen, obwohl es manchmal so hoffnungslos aussieht, gehe ich doch weiter. Ich sehe die Strafrechtspflege als Innenkrieg an. Das Militär kämpft und behauptet, gegen den Feind von außen zu kämpfen, das Strafrecht kämpft gegen den Feind von innen, den Verbrecher. Sie machen genau dieselben Fehler, und es ist so, dass sie wütend werden, wenn man ihnen mit einem alternativen Modell ankommt, dann nehmen sie den Leuten das „Spielzeug“ weg. Also ich habe dieselbe Hoffnung wie die Pazifisten gegen das Militär.

TP:

Der Strafvollzug in den Niederlanden hat ja hier in Deutschland eher einen guten Ruf. Was ist da dran?

Bianchi:

Also ein holländischer Gerichtshof würde sagen, warum soll ich zehn Jahre Freiheitsstrafe geben, wenn ein Jahr ausreicht! Und daneben: die Holländer wollen immer ökonomisieren, und Gefängnisse sind unerhört teuer. Ein Häftling kostet pro Tag umgerechnet etwa 600,- DM. Das ist das Dreifache des Satzes von einem Hilton-Hotel. Es gibt in Holland Witze, das sagen die Leute: Wir können die Delinquenten ebenso gut in ein Hilton-Hotel schicken, das hilft zwar auch nicht gegen die Kriminalität, aber es kostet immerhin nur ein Drittel des Preises.

Interview: Dietmar Jochum, TP Berlin

Foto/Bildquelle: commons.wikimedia.org

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