Sigmund Jähn bei Frank Jahnke bei „Charlottenburger Gespräche“ in Berlin.

Kosmonaut Sigmund Jähn in „Charlottenburger Gespräche“ in der Goethestraße 15 in Berlin.

1978 startete Sigmund Jähn als erster Deutscher an Bord eines Sojus-Raumschiffs in den Weltraum. Fast genau 39 Jahre und einen Monat später war er am vergangenen Mittwoch, 13. September, im Wahlkreisbüro des Berliner SPD-Abgeordneten im Berliner Abgeordnetenhaus Frank Jahnke bei dessen regelmäßig stattfindenden „Charlottenburger Gespräche“ in der Goethestraße 15 zu Gast, um über die vielfältigen Aspekte der Raumfahrt, über seinen Flug und sein Leben nach der Wiedervereinigung zu sprechen.

Jähn, der nicht mit einem Raumschiff in der Goethestraße 15 landete, sondern wie ein „normaler Bürger“ mit der S-Bahn anreiste, gab freimütig Auskunft über sein Leben und seine Zeit als Kosmonaut im Weltall.

Frank Jahnke:

„Mit Erfindung der Raumfahrt ist der Kosmos für uns Menschen kein metaphysischer Raum der Ideen oder Götter mehr, sondern ein Raum, der prinzipiell ebenso zu erreichen ist, wie ein anderer Kontinent oder das Ufer auf der anderen Seite eines Flusses. Wir nutzen diesen Raum, um neues Wissen zu gewinnen, Schiffe über Ozeane und das Partyvolk durch Kreuzberg-Friedrichshain zu navigieren oder globale Kommunikation zu ermöglichen. Der Weltraum ist uns gewissermaßen nahe gerückt, wir denken über eine Besiedelung nach und wir werfen einen Blick auf uns selbst. Gerade auch in Berlin ist der Weltraum ‚näher‘ als man vielleicht auf den ersten Blick denken mag, denn hier haben sich eine Menge Unternehmen angesiedelt, die zur Raumfahrtbranche gehören.

Grund genug, den ersten Deutschen im All, der heute in Strausberg bei Berlin lebt und Ehrenbürger unserer Stadt ist, einzuladen und ihn nach seinen Erfahrungen und Auffassungen zu fragen.“

http://frank-jahnke.de/2017/09/sigmund-jaehn-im-charlottenburger-gespraech/#more-1118

Die TP Presseagentur hat den Abend bei Frank Jahnke mit Sigmund Jähn begleitet und ihn anschließend kurz interviewen dürfen.

In der DDR war der Arbeiter schon etwas wert.

TP-Interview mit dem Kosmonauten Dr. Sigmund Jähn.

TP: Herr Dr. Jähn, sind Sie irgendwo traurig, dass die DDR untergegangen ist?

Jähn: Ich bin froh, dass dieses Deutschland, das die Heimat unserer Vorfahren ist, wieder ein kleines bisschen größer geworden ist. Obwohl ich Flieger und mal sehr jung war – ich kenne auch viele westdeutsche Flieger, die genauso Deutsche wie wir und unsere Eltern sind-, hatte ich mir nicht vorstellen können, dass wir uns gegenseitig vom Himmel holen.

TP: Wenn wir schon vor 1989 ein gemeinsames Deutschland gewesen wären, hätten Sie sich in diesem Deutschland vorstellen können, auch als Kosmonaut in den Weltraum zu fliegen oder hatten Sie das mehr der Existenz der DDR zu verdanken?

Jähn: Das wäre natürlich Spekulation. Offenbar hätte ich als Bürger der Bundesrepublik nicht die Chance dazu bekommen.

TP: Warum?

Jähn: Meine Eltern waren Arbeiter, und ich glaube nicht, dass das unter diesen Voraussetzungen in der Bundesrepublik so gelaufen wäre.

TP: In der DDR waren die Arbeiter gewissermaßen privilegierter als in der Bundesrepublik?

Jähn: In der DDR war der Arbeiter schon etwas wert.

TP: Hieß also nicht umsonst „Staat der Arbeiter und Bauern“?

Jähn: Ich kann mir schon vorstellen, dass man bei der Auswahl der Gruppen in die Nähe solcher Entscheidungen kam, dass Arbeiter unter einem solchen Aspekt in der DDR ausgewählt wurden. Ich weiß es aber letzten Endes nicht.

TP: Sie sind in der DDR mit allen Ehrungen und Orden überschüttet worden.

Jähn: Nein, so war es nicht.

TP: Haben Sie nicht etwa unter anderen Ehrungen den Karl-Marx-Orden bekommen und waren Held der DDR?

Jähn: Ja, hinterher, nach dem Weltraumflug.

TP: So war es ja auch gemeint.

Jähn: Na ja, das gehörte sich halt so.

TP: Sehen Sie heute noch einen Wert in all diesen Ehrungen und Orden, nachdem die DDR untergegangen ist? Oder sind all diese Ehrungen nach dem Verschwinden der DDR wertlos für Sie geworden?

Jähn: Ich würde es festmachen an dem „Held der Sowjetunion“. Das ist auch eine höchste Auszeichnung. Den hat mir eigentlich niemand verbieten können.

TP: Die Sowjetunion ist ja nun auch schon lange den Bach runtergegangen.

Jähn: Die Russen erkennen natürlich für ihre Leute – in dem Sinne bin ich da eingeschlossen – diesen Orden als den höchsten Orden ihres Landes an. Die Russen machen ihre Kosmonauten nicht plötzlich zu Fremden.

TP: In Gesamtdeutschland sind Sie ja nun auch kein Fremder mehr. Mittlerweile kennt Sie auch in Westdeutschland fast jeder. Sie sind Berliner Ehrenbürger und ihr Gemälde hängt im Roten Rathaus und im Berliner Abgeordnetenhaus. Dort „hängen“ Sie sogar in der Ehrengalerie. Und auch heute Abend sind Sie hier in Charlottenburg sehr herzlich bei Frank Jahnke von allen empfangen worden.

Jähn: Darüber habe ich mir, ehrlich gesagt, keine großen Gedanken gemacht. Natürlich habe ich das ein bisschen verfolgt, und es gab wohl die damalige Vorsitzende, deren Name mir entfallen ist, die sich dafür eingesetzt hat. Dann hat sie wohl andere, die das nicht unterstützt hätten…

TP: … schließlich kamen Sie gewissermaßen aus „Feindesland“…

Jähn: … davon überzeugt, das ebenfalls zu unterstützen. Auch wenn ich auf Äußerlichkeiten keinen großen Wert lege, empfinde ich es als eine schöne Geste. Ich muss auch sagen, dass angefangen von den ersten Regierenden Bürgermeistern des Landes Berlin, die ich kennen gelernt habe, sich jeder ordentlich gegenüber mir verhalten hat.

Interview: TP Presseagentur/dj

Fotos/Collage und Video: TP Presseagentur Berlin

3 Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*